Kultur : "Show me your passport!"

ULRIKE KAHLE

Susanne Amatoseros "Asylanten" im Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführtVON ULRIKE KAHLEEine locker gewebte kleine Komödie über ein Thema, das nach deutschem Bierernst, Moral und aufrechten Ansichten schreit.Die Malerin und Autorin Susanne Amatosero hat in ihrem ersten Theaterstück fünf musikalisch und lebensfroh verspielte afrikanische Asylanten gegen eine absurde Behördenriege, den "Chor der Eingeborenen" gesetzt.Klischee oder Wirklichkeit? Regisseurin Kazuko Watanabe jedenfalls läßt die vier deutschen Beamten ein hübsch übermütiges Stückchen deutscher Behörden-Blödheit vorführen: sie hocken zusammen auf dem einzigen Sessel auf leerer Bühne, sie spazieren aktenbeladen im Gänsemarsch, sie wiegen sich auch mal kokett in den Hüften.Blasse Behördlinge, Kinder, in ein unverständliches Amt gepresst, dessen Regeln sie hilflos befolgen, in gelben Hemden, damit sie sich in Polizisten verwandeln können.Auch ihnen ist Gesang gegeben, sie leiern "An der Nordseeküste", und das ist ein Kontrast zur afrikanischen Musik, der für sich spricht.Ist es ein richtiges Stück?Am Anfang war Musik und zu den Trommeln des Musikers Kojo Samuels tanzt ein blondperückter Schwarzer in Boing Jacke einen wunderbar rhythmisch-ausgelassenen Tanz.Eine weiße Tänzerin probiert Tanzschritte, die Asylanten kommen und werden mit einem unwiderstehlich komischen Sprechgesang begrüßt von den Eingeborenen, sozusagen dem Cantus firmus dieser assoziativ komponierten Szenenfolge: "Asylanten! Show me your passport? Where are you from? What ist your name? Why did you come? Asylanten!" Übrigens wird englisch gesprochen, Fremde treffen sich in fremder Sprache.Eine schöne, geheimnisvoll lächelnde Dramaturgin tritt auf mit lockig verwehtem Haar (Ilse Ritter), erst in Schwarz, später in Tiefrot, wenn es zu einer Annäherung kommt mit dem "Special Guest", der wie die anderen Asylanten keinen Beruf hat, sondern eine Mission und im richtigen Moment, bevor der Mord passiert, auf der Bühne auftauchen will, um "Take it easy" zu sagen.Eine ebenfalls schöne Polizistin (Bettina Engelhardt) dreht völlig ab, macht Tierposen nach, raucht und möchte zu gerne mit einem der Asylanten ins Hotel - es ist alles völlig absurd, überdreht, aber leichthin, wie nebenbei.Die vier herrlichen deutschen Behördlinge Wolf Aniol, Oliver Masucci, Nikolaus Rosat und Peter Brombacher suchen vergebens den verlorenen Aktenordner A, müssen erklären, was "Edelweiß" ist, möchten weit weg in Urlaub fahren, nach Kenia!, besaufen sich selig, erschießen einen Asylanten zur Probe und werden vor einem wirklichen Mord gerettet durch den Auftritt von Special Guest mit seinem "Take it easy!" Klingt das verwirrend? Ist es auch ein bißchen.Die hübsche Rolle der Tanzenden wird im Verlauf etwas vergessen, sie hat natürlich auch "no passport", weil sie immer hier ist, sozusagen der Geist des Ortes, aber das wird nicht plausibel: sie tanzt ein bißchen und wirbelt mit einem Riesenschlauch Staub auf und Akten durcheinander, verschwindet dann aber mehr und mehr, ebenso wie die schöne Dramaturgin, die nicht so recht weiß, was sie für ein Stück "geben" will, vielleicht über einen Krieg, aber nicht den zweiten, zu modern, über einen alten Krieg, vielleicht den trojanischen.Leicht angetippt, die Realitätsferne der Intellektuellen, spielerisch vorgeführt, die kafkaeske Behördenwillkür, etwas blaß bleiben eigentlich nur die Asylanten selbst, liebenswerte, heitere, flüchtige Gäste, deren Ziele und Wesen unverständlich bleiben.

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