Kultur : "Shrek": Grün ist gut

Cristina Moles Kaupp

Andere Zeiten, neue Helden? Mitnichten. Mut und Muckis sind nach wie vor gefragt. Davon hat Shrek zwar mehr als genug, aber seine rüden Manieren, der schleimgrüne Teint und strenge Geruch trüben etwas das Bild vom Siegertyp. Shrek mag deswegen jedoch nicht auf die allmorgendlichen Schlammbäder im geliebten Privatsumpf verzichten. Ebensowenig auf die Augäpfel, die er zu Cocktails verputzt wie andere Oliven. Denn Shrek ist ein "Ogre", hierzulande als menschenfressendes Ungeheuer bekannt. Und Viecher seiner Art sind einsam, weil abstoßend und haben nicht das Zeug zu Leitfiguren. Oder etwa doch?

In den USA hat "Shrek" die Kinowelt ordentlich aufgemischt: "Pearl Harbor" ist abgehängt, nun sägt er am Thron des Oscar-Gewinners "Der König der Löwen". Auch das wird ihm gelingen, denn bei "Shrek" stimmt einfach alles: die spannenden Abenteuer, die überwältigende Perfektion der 3D-Animation, der Soundtrack und die in der Originalfassung prominenten Stimmen von Eddie Murphy, John Lithgow, Cameron Diaz und Mike Myers, der Shrek einen schottischen Akzent verlieh. Und dann ist da noch dieser sarkastische Humor mit seinen vielen herrlichen Attacken gegen die heile Märchenwelt. Wurde auch Zeit. Wer mit Zeichentrickfilmen wie "South Park" und "Die Simpsons" aufwächst, entwöhnt sich schnell vom Disney-Brei, der viel zu affirmativ aus den Studios quillt. Alltag soll mitspielen dürfen, seine Sprache, seine Musik und vor allem Charaktere - fern jeder Perfektion.

Figuren wie der im Grunde herzensgute Shrek, der sich plötzlich beweisen muss, will er seinen himmlischen Sumpffrieden erhalten. Denn eines Tages stolpert der grantelnde Grünling über Schneewittchen mit ihrem Zwergenclan, den bösen Wolf und den Rattenfänger mitsamt seinem Pack: Hunderte von Märchenwesen, die aussehen, als wären sie Disney entlaufen, suchen bei Shrek Asyl. Als sich ihm dann auch noch ein nonstop quasselnder Esel an die Fersen heftet, wird es Shrek zu bunt. Wütend stampft er zum Verursacher des Chaos, Lord Farquaad, einem debilen Dreikäsehoch mit Riesenbirne und Größenwahn. Farquaad will das perfekte Königreich und keine Fabelheinis wie Peter Pan, Pinocchio und Pechmarie. Nur die richtige Prinzessin fehlt ihm noch.

Die muss Shrek nun besorgen, will er Ruhe in seinem Sumpf. Also zieht er mit Esel zur Burg von Prinzessin Fiona, die ein Drache belagert mit allem gefährlichen Drum und Dran. Logisch, dass es dann ganz anders kommt, denn diese Wesen haben einfach keine Lust mehr auf den alten Plot. Sie wollen ihr zartes Ego entdecken und endlich raus aus ihrer Haut. Allen voran Prinzessin Fiona, Anmut und Sanftheit in Person. Allerliebst, wie sie im Duett mit einer brütenden Vogelmama immer höher die Tonleiter hinaufträllert. Bis zum C, das den Vogel schier zerfetzt. Cut. Im nächsten Bild serviert sie Spiegeleier. Einfach köstlich.

Fionas Figur ist eine der wenigen menschlichen bei "Shrek" und war am aufwendigsten zu animieren. Das Schimmern ihrer Haut, vom Wind zerzauste Haare, authentisch wirkende Lippenbewegungen und der Faltenwurf der Gewänder - an solchen Problemen bissen sich Programmierer bislang die Zähne aus. Dass es nun so atemberaubend klappt, ist einem neuen Gesichts-Animationssystem zu verdanken. Hunderte von Kontrollpunkten legen sich wie ein Netz aus Nervenzellen über Gesicht und Körper, das kleine Unregelmäßigkeiten wie Fältchen und Grübchen mitkalkuliert. So werden 3D-Homunkuli immer lebensechter - und kaum stimmen Bewegungen und Mimik, kehrt sogar Seele in die Wesen.

Dass Fiona letztlich doch nicht zur Hyperhumanen "gerendert", sondern in ihrer Entwicklung zurückgestuft wurde, hat sie Shrek zu verdanken, dem eine reale Bulldogge Vorbild war. Die Beiden sollten schließlich harmonieren und sich nicht gegenseitig die Show stehlen. Und dann sind da noch der großartige Esel mit seinem täuschend echt wirkenden Fell, unzählige Licht- und Schattenspiele sowie Feuer und diverse Flüssigkeiten, die dank des preisgekrönten Fluid Animation Systems authentischer denn je über die Leinwand huschen.

Jahrelang brüteten bei PDI/DreamWorks 275 Mitarbeiter an 31 Sequenzen, 1288 Einstellungen und mehr als 450 möglichen Charakteren. Sie schufen Wälder aus 28 000 Bäumen mit 3 Milliarden Blättern - und fühlen sich jetzt wohl fast wie Gott. Doch bis man Filme endlich riechen kann, wird es wohl noch etwas dauern. Und überhaupt: Glücklicherweise hat sich das Kino noch nicht ganz in ein Testlabor für Pixel-Artisten verwandelt. Noch müssen die Geschichten bestechen, erst dann kommt ihre DNA.

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