Kultur : Shylock, der smarte Banker

Bregenzer Festspiele: Uraufführung einer polnischen Shakespeare-Oper – 30 Jahre nach ihrer Entstehung.

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Luna hilf. Kathryn Lewek in der Rolle der Shylock-Tochter Jessica. Foto: Karl Forster
Luna hilf. Kathryn Lewek in der Rolle der Shylock-Tochter Jessica. Foto: Karl Forster

Das hat er sich dann doch nicht verkneifen können und in seine Vertonung des Shakespeare’schen „Kaufmann von Venedig“ ein Klangzitat seines berühmten Namensvetters eingebaut. Zeit seines Lebens litt André Tschaikowsky darunter, dass er denselben Nachnamen wie der russische Komponist trug. Dabei war er ja eigentlich als Robert Krauthammer auf die Welt gekommen, 1935 in Warschau. Doch das Schicksal taufte ihn um, als er gerade sieben war. Die mutige Großmutter hatte falsche Papiere besorgt, dem Jungen die Haare blond gefärbt, ihm Mädchenkleider angezogen und ihn so aus dem Ghetto herausgeführt.

In zehn Verstecken überlebten beide bis 1945, dann begann der hochbegabte Knabe seine Ausbildung zum Pianisten, wurde von Arthur Rubinstein gefördert, begann zu konzertieren, übersiedelte nach Großbritannien, nahm Schallplatten auf – und träumte doch stets von einer Karriere als Tonsetzer. Wenn nur die Oma damals nicht den Namen ihres Lieblingskomponisten in den gefälschten Pass eingetragen hätte!

Zwei Klavierkonzerte und einiges an Kammermusik konnte André Tschaikowsky dennoch parallel zu seiner weltweiten Konzerttätigkeit vollenden. Und eine Oper: Von 1968 bis zu seinem Tod 1982 hat er am „Kaufmann von Venedig“ getüftelt, in seinem Haus bei Oxford. Als leidenschaftlicher Verehrer des englischen Dichters vermachte er seinen Kopf der Royal Shakespeare Company, mit der Bitte, ihn als Requisit in „Hamlet“ einzusetzen. 2008 wurde seinem exzentrischen Wunsch tatsächlich entsprochen, es gibt eine Briefmarke, auf der David Tennant im Gespräch mit dem Totenschädel zu sehen ist.

Seine Oper hat Tschaikowsky zu Lebzeiten nie gehört. Und wenn HK Gruber mit seinem Auftragswerk für die Bregenzer Festspiele rechtzeitig fertig geworden wäre, wer weiß, ob sie je eine Bühne gespielt hätte. So aber brauchte Intendant David Pountney schnell Ersatz und beschloss, seine „polnische Reihe“ weiterzuführen: Mit Karol Szymanowskis „König Roger“ und Mieczyslaw Weinbergs „Die Passagierin“ waren Bregenz in den vergangenen Jahren zwei viel beachtete Wiederentdeckungen gelungen.

Nun also die Uraufführung des „Kaufmann von Venedig“, am Tag nach dem „Zauberflöten“-Seebühnenspektakel, im Saal des Festspielhauses: Keith Warner verlegt die Handlung in die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Das sieht elegant aus (Bühne und Kostüme: Ashley Martin-Davis) und überzeugt inhaltlich. Im modernen Kapitalismus wird Shylock vom zwielichtigen Wucherer zum smarten Bankier, er arbeitet sogar mit dem Exportkaufmann Antonio im selben Kontor. Auch wenn das gemeine Volk den Juden hänselt, vor Gericht fechten die Feinde ihren Rechtsstreit auf Augenhöhe aus. Der Countertenor Christopher Ainslie ist als Antonio ein Gentleman feinster britischer Prägung, der sich ohne zu Zögern auf den improvisierten Seziertisch legt, um sich von Adrian Eröds grausam selbstsicherem Shylock jenes Pfund Fleisch aus dem Leib schneiden zu lassen, das er gegen einen Kredit von 3000 Dukaten verpfändet hat.

Keith Warners brillante Personenführung, die Art, wie er in dieser düsteren Komödie grotesk witzige Situationen neben sentimentale Episoden stellt, um gleich wieder Thriller-Spannung zu erzeugen, macht den dreistündigen Abend erträglich. Da mögen Solisten noch so leidenschaftlich bei der Sache sein und mag Erik Nielsen die Wiener Symphoniker zu engagiertem Spiel animieren, André Tschaikowsky hatte kein Talent fürs Musiktheater. Seine Partitur ist zwar detailreich gearbeitet, intelligent verwebt er Einflüsse von Benjamin Britten und Igor Strawinsky. Im Gegensatz zu seinen Vorbildern aber fehlt ihm der dramatische Atem: Da werden keine Spannungsbögen geschlagen, da entsteht keine spezifische Atmosphäre für die jeweilige Situation, die rationale Männerwelt Venedigs und das arkadische Belmont der Frauen sind akustisch nicht klar genug gegeneinander abgesetzt. Das Klangfarbenspektrum bewegt sich im Bereich der Beige-, Braun- und Grautöne, in sprachnaher Deklamation arbeiten die Sänger ihren Text ab, über dem bald ermüdenden Klein-Klein der Orchesterbegleitung.

Das Sinfoniezitat von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky erklingt im „Kaufmann von Venedig“ übrigens just in jenem Moment, als auf der Szene ein Kästchen geöffnet wird, dessen Deckel die Worte zieren: „Wer mich erwählt, bekommt so viel, als er verdient.“ Frederik Hanssen

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