Sibelius-Zyklus von Simon Rattle : Rausch der Klarheit

Zum 150. Geburtstag von Jean Sibelius: Simon Rattle startet seinen Sibelius-Zyklus mit den Philharmonikern. Der finnische Komponist ist Rattle von jeher ein Anliegen.

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Der Geiger Leonidas Kavakos spielte Sibelius' Violinkonzert mit der Berliner Philharmonikern.
Der Geiger Leonidas Kavakos spielte Sibelius' Violinkonzert mit der Berliner Philharmonikern.Foto: Marco Borggreve

Ganz in der Nähe der Philharmonie beginnt sie, die symphonische Reise des Jean Sibelius. Ein zähes Ringen um einen eigenen Weg, auch mit den Dämonen des beflügelnden Alkohols. Anlässlich eines Studienaufenthalts mietet sich der finnische Komponist 1898 in der Potsdamer Straße ein. Dort schreibt er, noch ganz im Banne eines Konzertes der Philharmoniker unter Nikisch, die ersten Takte seiner ersten Symphonie. Das Werk, das ihm dabei noch in den Ohren klingt, ist Berlioz’ Sinfonie Fantastique: „O santa inspirazione!“ Hier entfaltet nicht noch ein Spätromantiker des zentraleuropäischen Mainstreams seine Flügel. Lange hat es gedauert, bis diese Erkenntnis dort ankam, wo Sibelius einst aufbrach.

Seine erste Symphonie begann Jean Sibelius 1898 in Berlin

Zu seinem 150. Geburtstag, dem gewichtigsten Jubiläum des Klassikjahres 2015, wiederholen die Berliner Philharmoniker ihre Aufführung aller Sibelius-Symphonien aus dem Jahr 2010. Damals spielten sie die Dritte gar zum allerersten Mal in der Geschichte des Orchesters. Rattle hatte gleich zu Beginn seiner Berliner Amtszeit Sibelius auf den Spielplan gesetzt und seinen Musikern einen Intensivkurs mit jenem Dirigenten verschrieben, der ihn selbst restlos für Sibelius begeistert hatte: Paavo Berglund. Dem jedoch fehlte bereits die Kraft, um die Philharmoniker nachhaltig zu beeindrucken. Vor dem aktuellen Zyklus räumt auch Rattle ein, dass der gemeinsame Weg zu Sibelius kein leichter ist.

Leonidas Kavakos geht auf Nummer sicher

Was ist so vertrackt an den sieben Symphonien des Finnen, dass sie an philharmonischen Nerven zerren können? Rattle trägt mit Hingabe Licht in die Dritte hinein, lässt Sibelius’ eigenwillige Verwendung von Rhythmik und Klangraum spielerisch den Saal fluten. Fern scheint der Ballast des Historismus, eine Befreiung, die sich zu rauschender Transparenz steigern lässt. Im dichter besetzten Violinkonzert dagegen lauern romantische Abseitsfallen: Leonidas Kavakos geht auf Nummer sicher und gibt seinem ohnehin nicht im Verdacht der Süßlichkeit stehenden Stradivari-Ton eine Extraportion Strähnigkeit mit. Darin agiert er beeindruckend konsequent, doch: Wäre diese überaus stabile Saitenlage wirklich nötig gewesen? Rattle und die Seinen ziehen sich zu tief ins Klangdunkel zurück, um wirklich Paroli bieten zu können.

Die Vierte schließlich setzt Rattle als listigen Klippenhänger: unerwartet in den Kontrasten, abreißend wie mitten im Gespräch. Das Gros blitzender Konzentration war diesmal nach der Dritten weitgehend aufgebraucht.

Dieses Programm erklingt noch einmal am 6.2.; am 5. 2. folgen die Symphonien 1 & 2, am 7. 2. die Symphonien 5, 6 & 7. Lesen Sie danach unsere Rezensionen des gesamten Sibelius-Zyklus.

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