Kultur : Sibirien kann sehr warm sein

GREGOR DOTZAUER

enn einen das Ungetüm schließlich aus einem Schritt Entfernung ankreischt, kann es einem glatt vorkommen, als hätte schon zu Hause ein Zittern in der Luft gelegen. Eine Unruhe, der man auf den Grund gehen wollte, ein störender Ton, der nicht im Zimmer nebenan zu finden war, nicht im Nachbarhaus und auch nicht in der nächsten Straße, so daß man die Suche immer weiter ausdehnen mußte, hinter die deutsche Grenze, hinter die Karpaten und sogar hinter den Ural, um die Ursache in Krasnojarsk zu entdecken, mitten in Sibirien, wo das Zittern in ein Schrillen übergeht. Völlig außer sich tobt es in einem Hotelgang, den die Zimmermädchen eine nach der anderen unter den argwöhnischen Blicken der Etagenfrau mit wehenden Kitteln entlangstürzen, ohne es auf Dauer besänftigen zu können. Und so kreischt es in seinem orangenen Plastikpanzer endlos weiter: ein hysterisches Wählscheibenmonster aus dem Paläozooikum der Telekommunikation, das seit Jahrzehnten nichts als russische Zimmermädchen angelockt und nie einen Fremden, der vielleicht nur ein einziges Mal abheben müßte, damit es in alle Ewigkeit aus seiner gellenden Verzweiflung erlöst wäre und einen Seufzer der Erleichterung tun könnte: Gut, daß Sie endlich gekommen sind. * Bis 1992 war Krasnojarsk eine geschlossene Stadt. Wer mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok reiste, hatte auf Kilometer 4098 bestenfalls fünf Minuten Aufenthalt und die Aussicht auf einen Bahnsteig voll gut bewaffneter Milizionäre, die jedes unbefugte Aussteigen verhindert hätten: Fremde Blicke ins Zentrum der sowjetischen Militärforschung waren unerwünscht. Im vierzig Kilometer entfernten Schelesnogorsk (alias Krasnojarsk-26) und im hundert Kilometer entfernten Zelenogorsk (alias Krasnojarsk-45) sind sie es noch immer. Ohne Besucherschein geht hier auch für Verwandte der Arbeiter und ihrer Familien nichts. Vor allem Schelesnogorsk mit seinen rund 100 000 Bewohnern spielt in der russischen Kernwaffenproduktion nach wie vor eine entscheidende Rolle, und der Ausbau als Atommülldeponie schreitet - mit ausländischer Unterstützung - voran. Die Amerikaner sollen 20 Milliarden Dollar bezahlt haben, um hier Kernbrennstoffe endzulagern.Die rund eine Million Bewohner von Krasnojarsk stört das weniger, als daß sie von dem Geldsegen bisher kaum etwas mitbekommen. Der Löwenanteil, klagen sie, bleibt doch wieder mal in Moskau hängen. Aber wer weiß schon, wie es um die Staatsfinanzen steht? Möglicherweise zweigt auch die Verwaltung der Region unter Gouverneur Alexander Lebed, dem Mann, der den Tschetschenien-Krieg beendet hat und nun ohne wirkliche Aussichten hofft, Nachfolger von Boris Jelzin zu werden, etwas für sich ab. Jedenfalls geht die Auszahlung der Gehälter wie in ganz Rußland nach dem Prinzip Zufall vor sich. Die Lehrer zum Beispiel haben ihr Geld für Dezember, Januar, Februar und März am 18. April ausgezahlt bekommen. Mitte Mai hatte man ihnen immerhin schon den Vormonat überwiesen. Jetzt geht es aufwärts, denkt dann jeder. * Der anbrechende Sommer ist aber auch nicht die Zeit für das große Jammern. Die sogenannten sibirischen Temperaturen mit Werten bis unter minus vierzig Grad machen italienischen Temperaturen Platz, und das Licht verwandelt Krasnojarsk besonders im Zentrum, wo sich der Stuck auf farbigen Gründerzeitfronten sonnt, fast in einen mediterranen Ort - wenn man sich einmal an das dazwischenliegende Beton-Brachland gewöhnt hat. Aber auch jenseits der Mirastraße, wo der Jahrhundertwende-Prunk verlöscht, ist der Plattenbautenwuchs gezähmt, und die traditionellen Holzhäuser, die die Ausfallstraßen säumen und allmählich ins Datschengebiet führen, tun ein übriges, Krasnojarsk zwar in seiner sichtbaren Armut, doch nicht in seinem versteckten Elend wahrzunehmen. Allein der Jenisej, der hier an manchen Stellen kilometerbreit dahinfließt und eine schöne Uferpromenade hat, verleiht der Stadt schon eine ungeheure Weite - und ein eigenes Zeitmaß.Krasnojarsk lebt, und das gilt vermutlich für ganz Sibirien, auf schizophrene Art zwischen den Systemen. Weder scheint es von der sowjetischen Ordnung endgültig Abschied genommen zu haben, noch scheint es zuvor in ihr so aufgegangen zu sein, daß es sich nicht immer auch an vorrevolutionären Werten orientiert hätte. Ein Denkmalsturz wie in Moskau oder St. Petersburg hat nie stattgefunden. Genosse Lenin, der von Krasnojarsk aus in die zaristische Verbannung gefahren ist, reckt an allen Ecken in Stein gehauen oder gemalt seinen Spitzbart in die Luft. Mitten in der Stadt erhebt sich wie eh und je sein Adlatus Dserschinski übers Volk, der Begründer der Tscheka, der mörderischen Geheimpolizei, und am Kiosk kann man mit Väterchen Stalin auf dem Rubbellos noch gewinnen. Hundert Meter weiter hockt die Vergangenheit sogar in dürrem Fleisch und Blut und präsentiert die rote Fahne zusammen mit der Parole: Gemeinsam siegen wir Krasnojarsker mit der KP. Ein stadtbekannter Sonderling, heißt es achselzuckend - wie auch die steinernen Gäste stoisch hingenommen werden, als wäre der Kommunismus nur Folklore gewesen. * Auch auf die Zeichen der neuen Zeit ist kein Verlaß. Auf jeden traurigen Alten, der sich im ordensübersäten Ausgehanzug mit vaterländischen Verdiensten gegen die Zukunft wappnet, kommt mindestens eine jener rasend schönen jungen Frauen im Ultraminirock, die, dreilagig zugeschminkt, der russischen Erde mit langen Beinen Stilettos in den Leib treten: lauter Göttinnen der Liebe, die weder sich noch die internationalen Codes, denen sie nach außen folgen, so richtig zu begreifen scheinen. Im Inneren schlummern doch wohl Kinderseelchen oder ängstliche Ehefrauen in ihnen zu schlummern, die wie seit Urzeiten ihren sturzbetrunken heimkehrenden Mann auch nachts um vier noch Pelmeni kochen. Nach Einbruch der Dunkelheit schnüren dann herrenlose Hunde durch die Straßen, kleine Kampftrupps und Einzelgänger, denen man besser aus dem Weg geht, wenn man sich nicht längst größeren Gefahren ausgesetzt hat: In Krasnojarsk vergeht keine Woche, ohne daß man nicht irgendwo einen abgeschnittenen Kopf finden würde, einen einzelnen Arm oder ein Bein. * Es hat angesichts solcher Verhältnisse etwas Befremdliches, sich Sibirien ausgerechnet über die Literatur zu erschließen. Tatsächlich erfährt man über das Leben in den Städten aus der zeitgenössischen Prosa und Dichtung nicht allzuviel. Aber je weiter man sich aus Krasnojarsk in Richtung Taiga und Baikalsee bewegt, um so mehr nähert man sich den Kraftzentren des Landes, die auch wieder in die Städte zurückwirken - als eine Sehnsucht nach Spiritualität, die in blinde Gegenaufklärung münden kann und das Lob vormoderner Lebensformen (falls das hier taugliche Kategorien wären), aber auch als Sehnsucht nach einer Dimension, die sich sowohl gegen nationalistische Vereinnahmung wie gegen einen zweifelhaften Fortschritt verteidigen läßt. Man kann mit den asiatischen Teilrepubliken Bekanntschaft schließen und den diversen Kleinvölkern mit eigener Überlieferung (und Sprache) begegnen: den Burjaten, den Ewenken, den Nenzen und Chakassen.Wenn das Goethe-Institut mit Hilfe des Literarischen Colloquiums Berlin in Krasnojarsk zum ersten Mal deutsche Kulturtage mit Schriftstellern aus beiden Ländern veranstaltet, erfahren die Deutschen dabei allein aus dem literarischen Austausch mehr über die Sibiriaken als umgekehrt. Denn wenn die Deutschen über ihre Literatur sprechen, kann es passieren, daß sie zu Metaphern wie der von einer Stehparty greifen, bei der Grüppchen in wechselnder Zusammensetzung durch die Räume wandern und auch einmal ein Salonlöwe das Maul aufreißt. Das versteht man wahrscheinlich nur als Mitglied einer ironischen Gesellschaft. Dichter sind in Sibirien entweder Helden oder sie zählen nichts - zumindest unter den gegenwärtigen Verhältnissen. * Viktor Astafjev ist ein Held. Mit seinen 75 Jahren ist er schon ein wenig fußlahm, doch sobald er die Stimme erhebt, wirkt er gleich wieder wie der Haudegen, der er noch vor kurzem gewesen sein muß. Im Winter lebt Astafjev in Krasnojarsk, im Sommer im benachbarten Owsjanka, dem Dorf seiner Geburt. Boris Jelzin, der ihn hier, wo er sich und den Leuten eine imposante Bibliothek errichtet hat, auch schon besuchte, gehört zu seinen besten Freunden. "Ich habe das Gefühl", hat Astafjev einmal gesagt, "daß ein Genie in der Literatur auftauchen wird. Ein Genie, auf das wir vielleicht alle hinarbeiten, wie es die Welt noch nie gesehen hat. Und diesmal wird es nicht innerhalb des russischen Nicht-Schwarzerdegebiets erscheinen, sondern in unserer sibirischen Weite, wo es noch Kraft, Energie und Stärke gibt." Vielleicht ist diese Art von Großmäuligkeit unverdächtig, aber sie spielt schon hinüber in den Bereich der nationalistischen Äußerungen, mit denen sich Valentin Rasputin, der andere Held der sibirischen Literatur, in den letzten Jahren hervorgetan hat.Astafjevs Thema ist immer wieder der Zweite Weltkrieg, der auch in Owsjanka Spuren hinterlassen hat: Die Zahl der Sterne an den Holzhäusern steht für die Zahl der Toten in den Familien. Es ist Astafjevs Verdienst, mit patriotischen Lügen aufgeräumt zu haben - und sein Roman "Verflucht und getötet" ein Meilenstein auf diesem Gebiet. Doch wenn es darum geht, die unmittelbar zurückliegenden Kriege zu kommentieren und etwa ein einziges analytisches Wort zum Kosovo-Krieg zu sagen, ergreift ihn, den gewaltsam bekehrten Kriegsfreiwilligen, eine dröhnende Wut, die zu einem verbreiteten Kulturpessimismus gehört, in dessen Zentrum wiederum ein allzu einfach gestrickter Antiamerikanismus steht. Kein Argument verfängt, mit dem sein deutsches Gegenüber, der Schriftsteller Dieter Wellershoff, auch er damals ein Kriegsfreiwilliger, Astafjevs Schimpfkanonade auf die Nato-Agression zu bremsen versucht. * Man kann das auf gegensätzliche Erfahrungen und Überzeugungen schieben. (Und bei allen Affinitäten, die es zwischen anderen Paarungen gibt, zwischen dem Ex-Psychiater Eduard Russakov - einer Art zeitgenössischem Tschechow - und Burkhard Spinnen, oder zwischen Marina Savvinych und Herta Müller, überwiegt doch die Fremdheit.) Es könnte aber auch sein, daß es irgendwo in den tieferen Schichten der russischen Sprache Kanäle gibt, die es nicht ohne weiteres erlauben, auf konkrete Fragen konkrete Antworten zu geben: Verständigung mißlingt oft schon auf der alltäglichsten Ebene. Es ist, als würde jeder Äußerungswille in ein weitverzweigtes System von freundlichen Nebenbemerkungen und charmanten Ausflüchten umgeleitet. Wenn man also jemanden fragt, ob er sich mit einem abends um neun noch auf ein Bier verabreden wolle, wird man unter Umständen erst einmal darauf hingewiesen, daß die Tugend der Pünktlichkeit zu Zeiten, als Uhren noch gar nicht erfunden waren, doch wesentlich ausgeprägter war als heute, daß trotz des prächtigen Wetters das Land doch in einer ziemlich ausweglosen Situation stecke, und daß am Morgen die Warmwasserversorgung der Stadt für die nächsten Wochen zur Generalüberholung abgestellt worden sei, weshalb man doch besser gleich und sowieso noch einmal aufs Erdenleben trinken solle: erstens auf die Freundschaft, zweitens auf die Gesundheit und drittens auf das Glück. Nasdarovje! * Es lohnt sich auch nicht sonderlich, Roman Solntsev, den Chefredakteur von "Tag und Nacht", der wichtigsten Literaturzeitschrift aus dem Krasnojarsker Raum, nach den Umständen zu fragen, unter denen sie entsteht. Ob in der dunklen Parterre-Wohnung, die die Redaktion in einem Plattenbau bezogen hat, Konferenzen abgehalten werden. Oder welche Auflage die 300-seitige Zeitschrift hat, die Texte "für die ganze Familie" sammelt. Man wird von Solntsevs Herzlichkeit überwältigt und von seinem literarischen Enthusiasmus gefangengenommen werden und vielleicht mit ein paar Versen des sechzigjährigen Lyrikers und Erzählers von dannen ziehen. Vor allen praktischen Nachfragen aber wird man kapituliert haben. Solntsev ist so etwas wie der Zeremonienmeister der Krasnojarsker Literaturszene, nur daß er nicht wirklich eine öffentliche Gestalt ist wie Astafjev. Dafür ist er ungleich sensibler, aufmerksamer und neugieriger als der Übervater - und in Bezug auf die traditionellen Werte wie Familie, Haus, Erde, die auch in seinem Literaturverständnis eine Rolle spielen, gnädiger mit den unausweichlichen Furien des Verschwindens als manch anderer aus seinem Kreis - oder auch nur melancholischer. * Bei Andrej Lazartschuk, einem Fantasy-Schriftsteller, der bei uns wohl als Science-Fiction-Autor gehandelt würde - Philip K. Dick ist Lazartschuks großes Vorbild-, kommt ein Neid auf die im Westen Erfolgreichen dazu. Viktor Jerofejew ist ungefähr so groß, sagt er, und bringt Daumen und Zeigefinger so nah zusammen, daß gerade mal ein Zigarettenstummel dazwischenpassen würde. Und Vladimir Sorokin? Na der, sagt Lazartschuk, ist ungefähr so groß. Der Abstand hat sich immerhin verdoppelt. Das ist doch alles keine Literatur, sagt Lazartschuk. Die ruinieren die russische Tradition, die ruinieren die russische Sprache. Und überhaupt haben sie es nur so weit gebracht, weil sich eine Gruppe von Literaturwissenschaftlern verschworen hat und nun bestimmt, was wichtig ist und was nicht. * Am Eingang zu den zwei Klassenzimmern des Krasnojarsker Literatur-Lyzeums steht ungefähr die Hälfte der vierzig Kinder, die einmal pro Woche nach der regulären Schule zusammenkommen, und streckt den deutschen Besuchern selbstgepflückte Löwenzahnsträuße entgegen. Auch Andrej Lazartschuks sechsjährige Tochter läßt sich hier die große Vergangenheit der russischen Literatur näherbringen und zu eigenen Texten anregen: literarische Früherziehung nach den Mustern von Sport oder Musik. Wir versuchen, den Kindern eine eigene Welt zu schaffen, sagt Marina Savvinych, die Leiterin des Lyzeums, das - mit finanzieller Unterstützung von Viktor Astafjev - zum kleinen Imperium von "Tag und Nacht" gehört.Sie könnte auch sagen: Wir versuchen, den Nachwuchs gegen die postmodernen Verheerungen zu immunisieren. Es gibt fünfjährige Lyriker, achtjährige Essayisten und zehnjährige Science-Fiction-Talente, Kinder, die reihum aufsagen, was sie geschrieben haben, und dabei zwar schüchtern, aber nicht gedrillt wirken. Und es gibt, einen ersten Absolventen namens Mitja, der in Moskau Literatur studieren wird.Mitja ist 16, eine alterslose Erscheinung im Übergrößen-Sakko mit viel zu langen Ärmeln, an denen er sich mit umgedrehten Händen festhält. I will talk to you in English, sagt er, to communicate directly. Doch alles an ihm ist Rückzug, und so rezitiert er zwar ein Gedicht von Puschkin, doch es klingt wie aus weiter Ferne. Die Mission, mit der er Krasnojarsk in den nächsten Wochen verlassen wird, macht ihm zu schaffen, als müßte er das Genie aus den Weiten Sibiriens sein, wo es noch Kraft, Energie und Stärke gibt.

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