Kultur : "Sich begegnen": Der unschuldige Blick

Michaela Nolte

Ein Streifzug durch Museen und über Messen bestätigt es: Zeitgenössische Fotografie behauptet sich heute nicht zuletzt über das große Format. Wo das Sujet, mithin das menschliche Porträt zu banal geraten könnte, ringt das blow up mit großporiger Haut um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Vielleicht hat man die kleinformatigen, intimen Porträts von Zoltán Jókay deshalb in den großen Sammlungen und Ausstellungen bislang übersehen. Der 1960 in München geborene Fotograf gehört zu den Leisen seiner Generation, seine Bilder gelten als sperrig: unspektakuläre Momentaufnahmen im Leben unspektakulärer Menschen, Kinder zumeist. Keine satte, intensive Lichtmalerei beleuchtet den Porträtierten die Farblosigkeit ihres Alltags, keine kunstvolle Inszenierung transformiert ihr trübes Daseins. Die eindringlichen Farbfotografien erfordern konzentriertes Sehen und weisen über den dokumentarischen Charakter hinaus.

Nicht erst Werbung und Wirtschaft haben die Jungen und Jüngsten als Zielgruppe ins Herz geschlossen - das Kinder-Porträt hat in der Kunst eine lange Tradition, die in der heutigen Fotografie zu kulminieren scheint. Künstler wie Beat Streuli, Jock Sturges oder Rineke Dijkstra haben sich mit Porträts der 8- bis 18-Jährigen international einen Namen gemacht. Jókay betritt kein Neuland, aber er verzichtet auf eine dramatisch schöne Lichtdramaturgie à la Dijkstra ebenso wie auf die wohlproportionierten Körper eines Sturges oder die immer strahlend wirkenden Flaneure Streulis. Trotz ihrer Kindlichkeit muten seine Modelle altertümlich und unzeitgemäß an, wie die Personnage eines Theaters der Armut.

Jókay begegnet den Kindern und Jugendlichen auf der Straße, an den improvisierten Badestellen abseitiger Flüsse und im Brachland der Vorstädte. Im Moment der flüchtigen Zusammenkunft gewinnt der Fotograf den Kindern und Jugendlichen eine erstaunliche Individualität ab, deren psychologische Kraft beunruhigt. "Sich begegnen" nennt Jókay seine Ausstellung mit achtzehn Arbeiten (je 1500 Mark für die Abzüge 1-3 und 2000 Mark für die Exemplare 4-6) aus zwölf Jahren. Schon das kleine Standardformat der Fotografien von 30 mal 24 Zentimetern zwingt den Betrachter, sich dem Motiv zu nähern, Kontakt aufzunehmen - dem Porträtierten zu begegnen.

Im diskreten Zwiegespräch erschließt sich dann Jókays subtil abgestuftes Spiel von Nähe und Distanz. Die technische Brillanz der Aufnahmen rückt die Personen in den Vordergrund ohne den formalen Schutz einer durchkomponierten Umgebung zu vernachlässigen. Aus der flirrenden Naturlandschaft erhebt sich gestochen scharf das Mädchen im pinkfarbenen Badeanzug; doch weder ihre Haltung noch der kokette Handtuch-Turban verbergen die Unsicherheit. Auch die Kleine mit dem königsblauen Rock, dessen sonntäglicher Spitzensaum nur notdürftig von ihren verquollenen Augen ablenkt, trägt bereits die Züge eines Lebens, das die Unschuld längst abstreifen musste. "Kinder sind Kinder doch stets, und Kindliches treiben die Kinder." Jókay widerlegt den lateinischen Vers mit jedem Foto und mithin den Mythos von der unbeschwerten Kindheit. Seine Menschen-Kinder verfügen über ein profundes Wissen um die Einsamkeit. Selbst der hochgewachsene Jugendliche, der neugierig, aber kritisch den Fotografen wie auch den Betrachter beäugt, vermag sich hinter keinem Statussymbol zu verbergen. Die Leine seines Schäferhunds dient ihm als schützenden Halt, im Hintergrund bilden Unschärfen und schräge Fluchtlinien von Brandmauern und verwahrlosten Häusern ein Gleichgewicht: Halle 1991.

Doch Jókays Fotografien spiegeln kein "Bonjour Tristesse" des Ostens im Nachwende-Deutschland. Der Sohn ungarischer Einwanderer findet auch heute die Kinder, deren Blick ergreifend leer wirkt oder beredt, dem eigenen Schicksal trotzt. Sie sind im Ruhrgebiet, wo Jókay von 1984 bis 1993 in Essen Fotografie studierte, wie in den Siedlungen von Edinburgh oder den Straßen von Berlin zu finden.

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