Kultur : Sich die Birne abschrauben

Im Kino: „Fleisch ist mein Gemüse“

Daniela Sannwald

Wenn wieder verstärkt Leggings, gern zusammen mit Ballerinas und Minirock, im Weichbild der Stadt auftauchen, dann ist das retro gemeint. In der Tat erinnert das Kleidungsstück an die Dekade vor dem Mauerfall: Westdeutschland stagnierte unter Kohl, überall gab es Yuppie-Lokale im Neon-Look, und Puschelfrisuren nebst Schulterpolstern und langen Sakkos dominierten die Damenmode. Dieser finsteren Periode widmet sich „Fleisch ist mein Gemüse“ nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk. Der tritt auch als Kommentator seiner Vergangenheit auf.

Christian Görlitz hat daraus einen so erschütternd traurigen wie brillanten Film gemacht – so traurig wie die „Landjugend mit Musik“, die dem Roman den Untertitel gab. Der Held namens Heinz ist mit mancherlei Leiden geschlagen, deren augenfälligstes eine schwere Akne ist. Er lebt im Einfamilienhaus neben seiner kränkelnden Mutter (hysterisch und depressiv: Susanne Lothar) vor sich hin, bis die Tanzkapelle „Tiffanys“ ihn als Saxofonist engagiert. Fortan tingelt er wochenends durch die norddeutsche Provinz, spielt in Festzelten und -sälen bei Hochzeiten, Schützenbällen und Karnevalsveranstaltungen auf, wie der Rest der Combo angetan mit einem pinkfarbenen Glitzersakko. Gespielt werden Schlager, Schunkellieder, Polonäsen mit Mitgröl-Faktor für das sich mittels Unmengen von Bier und Schnaps systematisch die Birne abschraubende Publikum. Ewiger Nieselregen fällt auf trübselige nordwestdeutsche Kaffs, deren Wirtshäuser, in denen mindestens eine Wand mit Hirschgeweih dekoriert ist, „Deutsches Haus“ heißen und in jeder Hinsicht einen graubraunen Eindruck machen. Bei den Festen wird die Fröhlichkeit der mühsam aus sich herausgehenden Dörfler auf Gedeih und Verderb herausgekitzelt – doch Fröhlichkeit nach Kaltstart bedeutet Aggression, Anmache, Pöbelei. Enthemmt durch Alkohol, zeigt sich der Provinzler von seiner hässlichsten Seite, und Andreas Höfers Kamera geht mit: auf Tischplatten und darunter, in Schmuddelecken, Hinterhöfe und Toiletten.

Die „Tiffanys“-Auftritte wechseln mit Szenen aus dem häuslichen Leben des Helden. Kleine Fluchten gewähren ihm nur seine Eigenkompositionen, für die er allerdings eine Sängerin braucht – aber woher nehmen? Dass Heinz, von Maxim Mehmet mit viel Mut zur Hässlichkeit verkörpert, den Traum vom Durchbruch als Komponist nicht aufgibt, macht den beklagenswerten Mittzwanziger liebenswert. Überhaupt verzichtet Görlitz, der auch das Drehbuch geschrieben hat, darauf, seine Figuren zu denunzieren. So wird „Fleisch ist mein Gemüse“ zum schmerzhaft präzisen Sittengemälde der Achtziger. Daniela Sannwald

In Berlin in neun Kinos

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