Kultur : Sicher, entsetzt

Die Juristen haben das Wort: Der Streit zwischen Suhrkamp und seinen neuen Anteilseignern

Gerrit Bartels

Nach den überraschten Reaktionen bei Suhrkamp auf den Anteilsverkauf des Schweizers Andreas Reinhart an die Hamburger Geschäftsleute Hans-Georg Barlach und Claus Grossner und der Ankündigung von Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz, diesen Verkauf juristisch überprüfen zu lassen, hatte es sich abgezeichnet: Der Suhrkamp Verlag ist nicht erfreut. Und er stellt nun auch nach der juristischen Prüfung in einer Pressemitteilung fest, „dass ein Gesellschafterwechsel, sei es unmittelbar oder mittelbar, nicht ohne Zustimmung der Familienstiftung erfolgen kann oder wird. Der Versuch, statt der Anteile in der AG diese selbst zu veräußern, ist ein durchsichtiger Umgehungstatbestand, der die gesamte Transaktion unwirksam macht“.

Reinhart hatte, wie es in der Mitteilung von Suhrkamp heißt, als Hauptaktionär der Volkart Holding AG seine darin liegenden Suhrkamp-Anteile (die aus 29 Prozent an Suhrkamp und Insel bestehen, aus 45 Prozent an der übergeordneten Verlagsleitung und einem 50prozentigen Anteil an der Suhrkamp Verlag AG, Zürich) nicht direkt an die Hamburger Geschäftsleute veräußert, sondern indem er nur einen Teil der Volkart Holding AG an Barlach und Grossner übertragen und diesen in „Medienholding Winterthur AG“ umbenannt hatte. Für Reinhart eine Art Splitting mit zwei neuen Aktionären, bei dem sich für die Suhrkamp-Gesellschafter nur personell was ändert. Hans-Georg Barlach sagte am Mittwochnachmittag der dpa, Reinhart sei über die Rechtsauffassung des Verlages entsetzt. Die Volkart Holding AG sei eine Schweizer Gesellschaft und halte ihre Beteiligung an Suhrkamp selbstständig.

Für den Suhrkamp Verlag aber ist das Ganze ein undurchsichtiges Manöver, das „die Art der Teilung und Zuweisung der Aktien“ nicht näher offenlege. Auf Fragen zu den Verabredungen zwischen Reinhart, Barlach und Grossner habe man keine Antworten bekommen, weshalb man in Kürze eine Auskunftsklage stellen werde. Zudem: „Die Veräußerung einer Mehrheit der Aktien an der Volkhart Holding AG als Inhaberin von Anteilen an deutschen Handelsgesellschaften unterliegt nach deutschem Recht – und auch nach Absprache der Gesellschafter – unzweifelhaft der Zustimmung der übrigen Gesellschafter, also auch der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung.“

Unzweifelhaft, keine Zustimmung: Die Wortwahl bei Suhrkamp deutet darauf hin, dass man sich sehr sicher ist. Man glaubt auch nicht, wie Verlagssprecher Thomas Sparr dem Tagesspiegel sagte, dass es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen kommen werde. „Es sieht so aus, als sei alles schon über die Bühne gegangen, aber die Transaktion ist erst für den Jahreswechsel angekündigt“. Sparr sagte weiter, dass der Suhrkamp Verlag „unter keinen Umständen“ die neuen Anteilseigner akzeptieren werde, auch im Hinblick auf das von Reinhart gewählte Procedere: „Wir suchen uns unsere Anteilseigner selbst aus“. Und er verwies darauf, „egal, wie Herr Reinhart und seine beiden neuen Aktionäre jetzt wieder das Feuilleton unterhalten werden“, dass die Rechtsposition eindeutig sei und die Mehrheitsanteilseigner, also Ulla Unseld-Berkéwicz und die „Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“ das alleinige Sagen über Programmgestaltung und Geschäftsgebaren des Suhrkamp Verlages hätten.

Die Vehemenz, mit der schon mehrmals von Suhrkamp-Seite auf die wahren Machtverhältnisse hingewiesen worden ist, irritiert – wo liegt also das wirklich schwerwiegende Problem? Fürchtet man sich in der Suhrkamp-Burg doch mehr vor dem Einfluss von Minderheitsanteilseignern, als man zugeben möchte?

Barlach jedenfalls erklärte: „Der Verkauf ist vollzogen und damit rechtskräftig. Frau Unseld-Berkéwicz müsste ihre Einwände vor Gericht verifizieren können und das kann sie in unseren Augen nicht“. Barlach kündigte an, dass er und Grossner am Freitag in den Verwaltungsrat der „Medienholding Winterthur AG“ gewählt werden. Zudem trafen sich gestern Grossner und der ehemalige Berlin Verlagschef Arnulf Conradi, der als zukünftiger Berater von Barlach und Grossner fungiert, in Hamburg, um ihr Vorgehen abzusprechen. So wie es aussieht, sieht man sich wohl doch vor Gericht. Die Fortsetzung dieses Kapitels der beliebten, den Verlag aber sehr schädigenden Suhrkamp-Saga also folgt.

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