Sido im Gespräch : „Mehr Nächstenliebe!“

Der Berliner Rapper Sido spricht im Interview über sein neues Album "VI", politisches Engagement und den Kollegen Bushido.

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Der Berliner Rapper Sido, 34. Foto: Murat Aslan
Der Berliner Rapper Sido, 34.Foto: Murat Aslan

Sido, bei der Veröffentlichung des letzten Albums „30/11/80“ haben Sie gesagt: Ich musste eigentlich kein Album mehr machen; ich wollte den Leuten nur zeigen, dass ich immer noch der Krasseste bin. Was war diesmal der Anspruch?

Derselbe! Das ist immer der Anspruch. Nicht unbedingt um den anderen was zu zeigen, ich will mir auch selbst was beweisen. Das hat mit Eitelkeit zu tun. Ich sehe die anderen, wie die abgehen, und denk mir: Mann, Dicka, das kannst du besser! Komm, mach noch eins!

„30/11/80“ war „erwachsener Rap“. Ist „VI“ die logische Fortsetzung davon?
Ja, ich habe das jetzt für mich gefunden. Mit dem letzten Album habe ich eine Tür aufgemacht. Dieser „Grown Man Rap“, wie man so gerne sagt. „VI“ ist die Weiterführung, nicht die Steigerung. Es ist nicht noch erwachsener oder so. Deshalb ging’s diesmal auch viel schneller. Zwischen „30/11/80“ und dem Vorgänger lagen drei Jahre, diesmal eineinhalb. Das liegt daran, dass ich schnell genug Themen hatte. Ich wusste, über was ich schreiben will.

Einige der neuen Songs sind politisch. In einem Interview haben Sie mal gesagt, Sie würden gerne eine eigene Polit-Talkshow haben. Ist Ihnen das noch ein Anliegen?
Ja. Allerdings liegt das momentan ein bisschen auf Eis. Aber ich glaube schon, dass ich irgendwann etwas in der Richtung machen werde. Und falls nicht, sollte es jemand sein, der so ist wie ich oder aus demselben Umfeld kommt. Jemand, der dieselben Leute erreicht wie ich. Gerade die Politikverdrossenen sollte man mit einer solchen Show erreichen. Die Politikinteressierten können ja Maischberger oder so was gucken, wo Politiker ihren üblichen Stuss loswerden. Es müssen einfach andere Fragen gestellt werden, damit das für andere Leute interessant ist.

Prominente wie Til Schweiger unterstützen öffentlich Flüchtlinge, Joko und Klaas beziehen gegen Netzhetzer Stellung. Würden Sie so etwas auch tun, eine Art Sprecher für eine Sache werden?
Das ist immer schwierig. Aber ich finde es gut, dass Til Schweiger das macht. Dass er ein Gespräch auslöst; dass er zeigt, dass die Mehrheit eben nicht gegen Flüchtlinge ist. Seine Aussagen sind aber leider oft zu undurchdacht. Bevor ich mich engagieren könnte, müsste ich mir viel länger Gedanken machen, müsste mit den richtigen Leuten sprechen. Wenn ich die Zeit und den Kopf dafür habe, könnte ich mir vorstellen, das zu machen. Sobald ich ein Statement habe, bei dem ich denke, ja, das isses! Ich sehe ja auch, dass der Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland ein Problem ist, ich finde, ein bisschen mehr Nächstenliebe könnte unserem Land nicht schaden. Das haben ja auch Joko und Klaas mit ihrem Statement gefordert. Sie haben ihre Sache durchdacht, das war nicht doof.

Zurück zum Album: Mit Estikay und Adesse sind zwei relativ unbekannte Nachwuchsrapper als Gäste dabei. Sind Sie mittlerweile so etwas wie ein Rap-Papa oder Mentor?
Ich möchte Leuten, die ich gut finde, eine Plattform bieten. Es ist ja eine große Plattform, auf einem Sido-Album zu sein. Und wenn sie die nutzen, umso besser. Estikay habe ich zum Beispiel unter Vertag genommen. Olexesh, den ich bei „Löwenzahn“ gefeatured habe, bringt gleichzeitig sein neues Mixtape raus. Viele aus der Ecke, wo er herkommt, sind weniger Musiker und eher Geschäftsmänner. Er nicht, er lebt für die Musik!

Der Frankfurter Rapper Olexesh, aus dem Dunstkreis von Haftbefehl und Celo & Abdi, passt ja eher zu dem Sido von früher. Welche Art von Hip-Hop muss man denn als 34-Jähriger produzieren, wenn man sich nicht lächerlich machen will?
Ich will einfach ein gutes Album machen. Dafür ist kein Rebellentum mehr nötig, wie ich es als junger Mensch gepflegt habe. Ich muss nicht mehr schockieren.

Ihr gleichaltriger Kollege Bushido hat nach langer Bürgerlichkeitspause mit „Sonny Black“ ja wieder schockiert und war unglaublich erfolgreich damit.
Ich verstehe, warum Bushido diesen Weg gegangen ist. Er hatte diese Straßenrap- Karriere wie ich, ist dann genauso wie ich erwachsen geworden, hat sich sogar öffentlich entschuldigt für einige Sachen, die er gesagt hat. Und trotzdem: Alle sind gegen ihn, keiner gönnt ihm sein Bambi, Politiker reden immer noch schlecht über ihn, keiner glaubt ihm. Die logische Konsequenz für so einen wie Bushido ist dann: Na, dann könnt ihr mich am Arsch lecken. Ihr wollt mich nicht als Teil der Gesellschaft, dann fick ich euch halt alle.

Sie hatten gerade mit „Astronaut“ Ihren ersten Nummer-1-Hit. In einem Interview haben Sie gesagt, Sie wissen ganz genau, wie man einen Hit schreibt. Da ging es um „Bilder im Kopf“. War es diesmal genauso?
So ähnlich. „Bilder im Kopf“ war für das Best-of-Album. Ich dachte, ich mache da einfach meine besten Songs drauf, aber das Label meinte, es fehlt noch eine Single. Damit man es auch mal im Radio versuchen kann. Zu der Zeit wurde ich im Radio fast nie gespielt. „Bilder im Kopf“ war dann die erste große Radionummer. Bei „Astronaut“ wusste ich deshalb schon, dass da eine Tür im Radio offen ist. Wenn ich heute dem Radio eine CD gebe, hören die sich das an, das war früher nicht so.

Das Gespräch führte Fabian Federl. „VI“ ist bei Universal erschienen.

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