Kultur : Sie beherrscht die Bühne

Theatertreffen 2011: Lina Beckmann bekommt den Alfred-Kerr-Preis. Laudatio von Eva Mattes

Ganz besonders. Die Kölner Schauspielerin Lina Beckmann in Berlin. Foto: Piero Chiussi
Ganz besonders. Die Kölner Schauspielerin Lina Beckmann in Berlin. Foto: Piero ChiussiFoto: Piero Chiussi

Lina Beckmann ist am Sonntag zum Abschluss des Berliner Theatertreffens mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2011 für besondere schauspielerische Leistungen ausgezeichnet worden. Die mit 5000 Euro dotierte Ehrung wird von der Familie Kerr und der Pressestiftung des Tagesspiegels verliehen. Lina Beckmann, geboren 1981 in Hagen, war beim diesjährigen Theatertreffen in den Kölner Inszenierungen von Tschechows „Kirschgarten“ (Regie: Karin Henkel) und Elfriede Jelineks „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ (Regie: Karin Beier) zu sehen. Seit 2007 gehört sie zum Ensemble des Schauspiels Köln. An der Preisverleihung im Haus der Berliner Festspiele konnte Lina Beckmann nicht persönlich teilnehmen, sie stand am Sonntagabend in Köln auf der Bühne. Jurorin des Kerr-Preises war in diesem Jahr die Schauspielerin Eva Mattes. Wir drucken ihre Preisrede.

Es hat mir großen Spaß gemacht, auf die übliche Frage, „Was machen Sie denn zurzeit, Frau Mattes?“, antworten zu können: „Ich bin die Jury, die Jury für den Alfred Kerr-Preis!“ Also die alleinige Bestimmerin. Ich musste niemanden auf meine Seite ziehen als mich selbst. Zum ersten Mal hatte ich die Zeit, alle Inszenierungen des Theatertreffens zu sehen, es war mir eine süße Pflicht, und auch wenn mir nicht jede Aufführung zusagte, saß ich am nächsten Abend wieder genauso gespannt und offen für alles, was da auf mich zukam, in der sechsten Reihe Mitte.

Ich ging ganz gelassen an die Sache heran. Der oder die Richtige wird sich schon finden. Von zehn Aufführungen haben mich zwei wirklich umgehauen. Die eine war von der Gruppe She She Pop: „Testament“. (Auf die andere werde ich später eingehen.) She She Pop haben sich mit einfachen, aber sehr überzeugenden Mitteln, anhand von König Lear mit ihren echten Vätern über Erbe, Altenpflege, und Liebe zwischen Vater und Tochter auseinandergesetzt. Dieser Abend hat mich sehr berührt, ich durfte nachdenken, mitdenken, ich mag es, wenn meine eigene Fantasie sich dazugesellen kann zum Geschehen auf der Bühne. Ob ich wohl einen der Väter, trotz hohen Alters, weil er eben zum ersten Mal auf der Bühne stand, als besten Nachwuchsdarsteller wählen könnte, ging mir so nebenbei schmunzelnd durch den Kopf.

Nun aber doch zu den jungen, hoffnungsvollen Schauspielerinnen und Schauspielern, allen voran die Gruppe aus dem Ballhaus Naunynstraße, ein wirklich bemerkenswertes Theater der freien Szene. „Verrücktes Blut“, ein tolles, raffiniertes Stück, mit großem Einsatz und voll Herzblut gespielt. Gäbe es eine „Lobende Erwähnung“ beim Theatertreffen, ich würde sie diesem Ensemble aussprechen.

Auch Christian Friedel als Don Carlos vom Schauspielhaus Dresden hat mich beeindruckt. Ich habe mir diese Aufführung sogar zweimal angesehen, ich wollte wissen, ob er mich am zweiten Abend vollends rumkriegt, wo ja die Aufregung und somit der Druck der Premiere, der, wie ich finde, oft positiven Müdigkeit und Entspannung weicht.

Schließlich „Nora oder ein Puppenhaus“ aus Oberhausen, virtuos gespielt von Manja Kuhl als exaltierte Kindfrau. Das schrille Bild dieses Abends, die Lust aller Schauspieler an dem Wahnsinn ihrer Figuren spielte sich auch am nächsten Tag noch vor meinem inneren Auge ab.

Die erste wirkliche Gefährdung meiner sich immer mehr erhärtenden Wahl zeigte sich mir in „Die Beteiligten“ aus Wien. Simon Kirsch war ein Konkurrent, weil er gewisse Ähnlichkeiten hat zu meinem Favoriten, oder meiner Favoritin. Er ist in seinem Spiel sehr direkt, offen und uneitel, spielt und singt selbstsicher, gekonnt, ohne sein Können aufzudrängen. Er hatte nicht so viel zu spielen, dafür aber sehr unterschiedliche Figuren, und die zeichnete er sehr genau, ohne dabei seine Persönlichkeit zu verlieren. Ich kann ihn mir in vielen Rollen vorstellen, vor allem in den schillernden bösen, und da er sehr jung ist, hat er sicher noch die Chance auf diesen begehrten Preis.

So, ich komme jetzt auf den ersten Abend zurück, auf „Das Werk / Im Bus/ Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Karin Beier. Die Eröffnung des diesjährigen Theatertreffens, die andere Inszenierung, die mich umgehauen hat, die mich wirklich und nachhaltig begeisterte. Aktuelles politisches und ästhetisches Theater voller Überraschungen, die Sprache, die Inhalte so fantasievoll umgesetzt, staunenswert fand ich das, originell und erfindungsreich. Auf der Bühne eine Riege von gleichermaßen großartigen Schauspielern, Sängern und Tänzern. Und doch war da eine, die herausstach.

Ich dachte, das gibt’s doch gar nicht. Es kann doch nicht sein, dass ich schon am ersten Abend fündig werde, darauf war ich noch gar nicht richtig eingestellt. Aber von dem Augenblick an, als sie zum ersten Mal den Mund aufmachte und den Zuschauer direkt und unverblümt ansprach, suchten meine Augen sie im Getümmel auf der Bühne. Jedes Mal, wenn sie irgendwo im Hintergrund verschwand, dachte ich nach kurzer Zeit, wo ist jetzt Meine, diese Unverschämte, die mit dem Publikum spricht, als wäre sie die Kassiererin in dem Laden an der Ecke: alltäglich, selbstverständlich, gewöhnlich, und gleichzeitig springt sie einen an mit ihrer Intensität und Strahlkraft. Sie ist aufmunternd, schwatzhaft, tumb, grazil, und hat eine mordsmäßige Kraft. Ihr leichter Zungenschlag, mit dem sie so selbstbewusst umgeht, als hätte sie ihn erfunden, ist nur einer der vielen Anziehungspunkte dieser jungen Schauspielerin Lina Beckmann.

Einmal spielt sie eine Mutter, deren Sohn bei der Arbeit im Berg tödlich verunglückt ist. Sie kauert am Boden, hält ihr Kind wiegend im Arm, klagt, heult und schreit, wie wir es aus den Nachrichten von den verzweifelten Kriegsmüttern kennen, und im nächsten Augenblick unterbricht sie sich und fordert eine Kollegin auf, die rechts vorne auf der Bühne raucht, die Zigarette auszumachen. Übergangslos schlägt sie einen komplett anderen, sachlich, strengen Ton an, um sich genauso übergangslos wieder in das Elend der trauernden Mutter zu stürzen.

Wir durften Lina Beckmann gleich an zwei Abenden bewundern, eben in „Das Werk“ und im „Kirschgarten“, wo sie die Warja als eine handfeste, einfache Person spielt, die als Einzige versucht, die Verantwortung für diesen zerstreuten, träumenden Kirschgärtner zu übernehmen. In der letzten Begegnung mit Lopachin, bei dem missglückten Heiratsantrag, zeigt sie sich anrührend zerbrechlich und wischt ihren zerstörten Traum, an den sie sich sowieso nicht traute zu glauben, mit einem kurzen, lapidaren „Nö“ von der Bühne. Das war’s, das Leben geht weiter.

Lina Beckmann ist mir nahegerückt durch ihr Spiel und hat mich das ganze Theatertreffen hindurch begleitet. Sie hat mich nicht mehr losgelassen, und bei all meiner Liebe zu den anderen hoffnungsvollen Begabungen ließ sie sich nicht verdrängen. In dem Stück von Elfriede Jelinek, in dem es um den Kampf gegen die Natur geht, ist sie selbst eine Naturgewalt, und dabei auch noch sexy, das kommt ja auch nicht so oft vor im Theater, egal ob Mann oder Frau. Sie flüchtet sich niemals in Manierismen, bleibt provozierend natürlich, selbst wenn sie die kompliziertesten Texte kunstfertig, in rasender Geschwindigkeit unglaublich deutlich spricht, schreit, kreischt oder einfach ganz nebenbei leise fallen lässt. She’s a natural woman, sie beherrscht die Bühne.

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