Kultur : Sie bewegt sich doch

Antoni Gaudís fantastisch unvollendete Kathedrale Sagrada Familia wächst – mit dem neuen Barcelona

Peter von Becker

Der Heilige in der monumentalen neogotischen Krypta ist der hier begrabene Schöpfer: Antoni Gaudí, Architekt des Temple de la Sagrada Familia, wie die wunderliche Kathedrale des 1926 verstorbenen Baumeisters in Barcelona heißt. Nur in ihrer Krypta kann die darüber errichtete Kirche eine Andacht feiern. Aber wer sich dort heute zur Weihnacht versammelt, der wird zwischen sich und dem Himmel die größte, die merkwürdigste sakrale Baustelle des Abendlandes haben.

Denn Gaudis 1883 begonnene, mit ihren biomorphen Formen an riesige Tropfsteinhöhlen, an hypermanieristischen Jugendstil und ein science- fictionhaftes mittelalterliches Kirchenraumschiff gemahnende Kathedrale ist noch lange unvollendet. Aber dass dieses auf fantastische Weise zwischen allen Zeiten, zwischen Kitsch, Kunst und innovativer Konstruktion spukende Gebilde mit seinen an den über hundert Meter hohen Spitzen wie steinerne Kaktusblüten wirkenden Türmen tatsächlich fertig wird, das scheint jetzt mehr und mehr wahrscheinlich.

Es liegt zum einen an Barcelona. Die katalanische Metropole boomt nicht nur dank des allgemeinen, EU-induzierten spanischen Wirtschaftswunders. Barcelona hat – mit Blick übrigens auch nach Berlin – vor und nach den Olympischen Spielen 1992 eine Wende erlebt. Man setzt seitdem konsequent auf Jugend, Kultur, Tourismus und Wissenschaft, hat ähnlich wie Genua den maroden Hafen und städtische Sanierungsgebiete zu Ausstellungsplätzen und kulturellen Foren gemacht. Internationale Architekten wie Herzog & de Meuron oder jetzt Jean Nouvel mit seinem den Südosten der Stadt zum Meer hin wie eine Aubergine aus grünblauem Glas beherrschenden Bürobau prägen die moderne Silhouette. Und Barcelona setzt, durchaus als Konkurrenz zu Berlin, einen neuen Forschungs- und Wissenschaftspark nicht an den ausfransenden Stadtrand, sondern zentral in die City.

So fließt Geld. Auch in das lange Zeit unabsehbare, dieses Jahr mit einem 14-Millionen-Eurobudget operierende Weiterbau-Projekt der Sagrada Familia. Olympia ’92 und 2002 das 150. Geburtsjahr Antoni Gaudís, dazu dieses Jahr das Dalí-Jubiläum als neuerlicher Tourismus-Magnet, haben die Arbeiten an der Sagrada Familia beflügelt. Gaudi selbst hatte nur noch die Fertigstellung der östlichen Fassade mit der Geburts- und Weihnachtsgeschichte über dem neugotischen Portal erlebt. Ende der 60er Jahre kam dann der westliche Teil, die Passionsfassade als Ostergeschichte in einem bis heute hell und grob herausstechenden Sichtbeton hinzu. Das war noch vor dem Computerzeitalter.

Dies ist das beschleunigend Neue: Heute werden die komplizierten, wechselnd aus Beton, Porphyr, Granit oder Sandstein geschnittenen, oft mit buntgläsernem Dekor durchsetzten Bauteile nach digital designten Plänen und zum Teil von elektronisch gesteuerten Robotern gemeißelt. Dieser Tage hat uns Jordi Bonet, der 1997 die Leitung der Arbeiten an der Sagrada Familia übernahm, den Entwicklungssprung in Barcelona demonstriert. Dieser Señor Bonet ist dabei selbst ein Phänomen – und verkörpert die Passion für Gaudi wie kein anderer.

Jordi Bonet wird demnächst 80, spricht als Katalane mit ausländischen, seines heimatlichen Idioms nicht mächtigen Gästen lieber Englisch, Französisch oder Deutsch als Spanisch. Er sieht aus wie ein Bruder Picassos und zeigt als erstes eine Fotografie aus den Zwanzigerjahren, auf der sein Vater, auch dieser schon Architekt, gleich hinter dem rauschebärtigen Gaudi als Schüler zu erkennen ist. Dann springen wir, und Bonet erklärt das neue Computersystem „Catia V 5“, das die Firma IBM zusammen mit dem französischen Partner Dassault entwickelt hat. Mit dieser Software virtualisieren und simulieren heute Architekten von Frank O. Gehry bis Herzog & de Meuron ihre Museums- und Stadionbauten von Bilbao bis Peking; das dreidimensionale Digitaldesign kommt auch bei Rekonstruktionen und Neubauten an der Moschee von Medina, in der Weißenhofsiedlung Stuttgart oder beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche zum Einsatz.

Im Fall von Gaudi erlaubt der Computer jetzt auch in der schnellen animatorischen Verwandlung zu erkennen, wie der katalanische Altmeister zugleich ein Neuerer war. Ein Großteil seiner Gipsmodelle und Zeichnungen ging zwar bei einem Brand im Spanischen Bürgerkrieg verloren. Doch die Computergrafik macht nun sichtbar, wie Gaudi aus Grundelementen des Kreises oder des Quadrats seine vermeintlich wild wuchernden Formen schuf und mit sich verjüngenden, wie Bäume verzweigenden Säulen eine so komplizierte wie zugleich einfache Statik entwickelte.

Jetzt dirigiert Jordi Bonet in seinem neunten Lebensjahrzehnt ein Dutzend Unterarchitekten, 130 Bauarbeiter und muss jährlich zwei Millionen Besucher des Kirchenfragments ohne Behinderung der gigantischen Baustelle durchschleusen. Zudem turnt er auf Stahlgerüsten in himmlischen Höhen, dass wir ihm schwindlig kaum folgen können. Er weist auf das werdende Mittelschiff, auf den darüber schwebenden Sockel des mittleren, dereinst mit 170 Metern das Ulmer Münster als sakralen Rekordskyscraper überragenden Christus-Turms. Bis 2010 soll so der Innenraum der sagenhaften Kathedrale geschlossen sein, das will Bonet noch erleben. Und in der Tiefe braust die von hier ganz geruhsame Gegenwart.

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