Kultur : Sie gibt sich, sie gibt sich nicht

JAN SCHULZ-OJALA

FRANCE STREUNT DURCH FRANKREICH . Aufgebrochen ist sie aus einem Kaff in der Provinz, weggelaufen von den Bauersleuten von Eltern, weg von dieser Art erster Liebe, die das spröde Mädchen ausgerechnet zum treulosen Dorf-Beau empfindet. Gepäck? Keines. Nur dieser schwarzweiße Trainingsanzug, den sie am Leibe trägt. So läuft sie über die leere Landstraße. Einer nimmt sie im Auto mit, verspricht ihr - in einem Flughafenhotel - Thailand. Am nächsten Morgen ist er weg. Fortan wird France Geld nehmen von den Männern. Von ihren Arbeitgebern, die sie als Haushaltshilfe, als Putzfrau anstellen. Und von ihren Liebegebern, so lange sie eben Liebe geben und weiter nichts wollen: keine Zukunft, keine Fragen. Sonst ist sie schon wieder weg, und zwar gleich.

Zwei oder drei Dinge, die wir von ihr wissen: Wir erfahren sie durch Luigi, Streuner in gewisser Weise auch er, ein Entwurzelter am Steuer seines Autos, der ihr nachreist im Auftrage eines anderen. Denn France hat in Marseille einen gewissen Lindien, klein, reich und kahlköpfig, just zur Hochzeit versetzt und stattdessen eine halbe Million Francs aus dem Safe mitgehen lassen. Lindien beauftragt Luigi, France zu suchen. Ihm geht es erst in zweiter Linie um das Geld, in erster um die Liebe. Und auch Luigi wird es bald nicht mehr so recht um den Auftrag gehen. Sondern um Liebe: seine frühere, seine abwesende, seine zukünftige, seine Fata Morgana, einer Telefonnummer, hingekritzelt auf einen Zettel und hineingeschmuggelt in eine billige rote Sporttasche wie einen Blankoscheck. Ruf mich an, France, vergiß mich nicht, France! Männer sind irgendwie dumm, Männer bringen alles durcheinander.

"Zu verkaufen" heißt dieser Film, steht da wie eine Immobilie, vor der ein Schild "Zu verkaufen" steht. Auch France ist, obwohl äußerlich so unstet wie nur möglich, innerlich immobil: eine Statue, eine Ikone der Feminität. So arbeiten, so zappeln sich die Männer an ihr ab. Sie gibt sich, sie gibt sich nicht. Sie nimmt sich, was sie zu verdienen glaubt. Drohen Gefühle ins Spiel zu kommen, wird das Make Up einfach dicker, bis dieses Gesicht nur noch aus Augen besteht, aus Höhle. Tränen sind nicht im Preis inbegriffen, sagt France einmal. Und weint später, allein. Einer, der sie bezahlt hatte ein paar Monate lang für Sex oder für Liebe, hat ihr den Laufpaß gegeben.

Ist France eine Hure, eine heilige Hure vielleicht? So hätten es die Männer wohl gern. Eher ist sie eine jener hurengewerkschaftsnahen Missionsschwestern, die den Männern ins Gewissen reden: Und eure Frauen, habt ihr euch die nicht auch gekauft? Ist nicht jede Essenseinladung, jedes Geschenk im Grunde ein Kauf - und der Heiratsantrag der perfideste von allen? France läßt sich nichts schenken. Und sie verschenkt nichts. Allenfalls schickt sie ihren Eltern von irgendwoher ein bißchen Geld, weil der Mensch ja doch eine Herkunft hat. Und legt damit die Spuren, die Luigi - spät, spät - zu ihr bringen, ans Ziel. Und das Ziel ist ein Körper, wieder nur ein Körper. Ihr Körper: Ware und Produktionsmittel und Kapital.

"Zu verkaufen" ist ein nachhaltig unbehaglicher Film, einer, der seine Risse und Brüche ausstellt in aller Ruhe. Der Detektiv, der da auf einer Spur ist, ist kein Detektiv, sondern ein von seiner Frau verlassener Italiener in Frankreich: Einmal, ein furchtbar lächerliches Mal gastiert er in dieser Vergangenheit, um rausgeworfen zu werden nach nicht einmal einer Viertelstunde. Und die Spuren sind keine Spuren, sondern oft genug Zufälle, die nur deshalb nicht stören, weil wir, die Zuschauer, alles zugleich sehen: Luigi heute, France damals - und beider langsame Annäherung. Vor allem unbehaglich aber ist "Zu verkaufen", weil hier eine Frau einen Männerfilm gemacht hat, wie ihn kein Mann machen könnte. Die Romantik der Männer, ihre Vergötterung, ihre Verfluchung des Planeten Frau: All das ist unbarmherzig von außen, lügenfrei und (selbst-)betrugslos gesehen. "In das Gehirn eines Mannes dringen und eine Frau sehen, wie er sie sieht" wollte Laetitia Masson. Operation gelungen - bei vollem Bewußtsein, besser: zur Erlangung erst von Bewußtsein.

Sandrine Kiberlain und Sergio Castellitto sind die perfekten Medien für diese Versuchsanordnung Mann und Frau, für dieses Gedankenspiel, dessen Wahrheit sich ziemlich wenig in den Diktaphon-Tagebuchexzerpten des Spurensuchers ausdrückt - und am wenigsten in dem, was Männer und Frauen einander zu sagen haben. Am stärksten sprechen in "Zu verkaufen" die Körper; nicht der Sex, eher die Blicke, die auf dem Weg zum Leuchten abblenden voreinander; ein Wegdrehen des Kopfes in letzter Sekunde; die Art, wie Männer und Frauen voreinander sind, wenn sie anbandeln miteinander oder vielleicht dann doch lieber nicht. Der Rest ist Reden.

"En avoir (ou pas)", Haben oder nicht - so hieß Laetitia Massons erster Film dieser angekündigten Trilogie über Geld, Arbeit und Liebe, und er ging auf. Damals war Sandrine Kiberlain schon einmal auf Reisen, weg aus Jobs hinein in eine seltsame, sich verlierende Liebe. Und in Einsamkeit, wie man sie so tief lange nicht gesehen hatte. "Zu verkaufen" ist pure, klaglose, ganz und gar unaushaltbare Einsamkeit. Inzwischen ist der dritte Film fertig, "Only you", wieder mit Sandrine Kiberlain. Fürchten wir uns nicht: Im Wintermantel werden wir im Kino sitzen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und frieren trotzdem. Und sehen.

In den Kinos Filmbühne am Steinplatz

fsk (OmU), Hackesche Höfe und Kant

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben