Kultur : Sie hat den Blues

H. P. Daniels

"Good to be in this lovely . . - ah, what is it?" Melissa Etheridge weiß nicht, wie sie das neue Tempodrom bezeichnen soll: Saal, Rundbau, Arena, Amphitheater? Jedenfalls ein wirklich schöner Veranstaltungsort, und die amerikanische Sängerin und Songwriterin weiß es zu schätzen. Ganz allein steht sie auf der großen Bühne im grellen Scheinwerferlicht mit ihrer 12-saitigen Ovation-Akustikgitarre und wirkt gleichermaßen zierlich und robust, zart und kräftig, grazil und burschikos. Wie ihre Stimme, ihr Gitarrenspiel, ihre Songs. Schleudert sie die blonde Zuppelmähne zu kraftvoll rhythmischem Gitarrengestrummel. Wandert über die Bühne von links nach rechts, von rechts nach links. Rockt und schaffelt. In großen Cowboystiefeln und engen Jeans.

"Just to reach you". Und hat das ausverkaufte Auditorium schon mit den ersten Tönen in der Tasche. Wird mit jedem Song noch besser. Man spürt eine Nähe zu Springsteen. Und zu Janis Joplin, allerdings ohne deren übertriebene Manierismen. Die Stimme ist angenehm tief, schotterig und in Blues getränkt. Wankt nicht, rutscht nicht, stolpert nicht. Während Melissa tänzelt, den Oberkörper im kurzen dunkelbraunen Jäckchen rhythmisch biegt, doch sich nie verbiegt dabei in falsche Posen. Kurzer Wechsel zur verzerrten Stromgitarre mit Kreischen und Fauchen. Oder ans Piano zur weichen Soul-Ballade. Mundharmonika. Und immer wieder die 12-saitige Akustikgitarre.

Reduziert auf ihre Essenz, bekommen im Konzert sogar die Songs vom lauen letzten Album "Skin" ihre ursprüngliche Kraft, Energie und Leidenschaft zurück. Höchst zufrieden und überwältigt vom Beifallsgetose, verabschiedet sich Frau Etheridge nach zwei kurzweiligen Stunden. Das nächste Mal komme sie wieder mit Band. Schade eigentlich, denn dieser Soloauftritt wird mit Band kaum zu übertreffen sein.

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