Kultur : Sie kamen, sahen, schrieben

PETER VON BECKER

Auftritt Elton John.Er begrüßt das Publikum in der Schauspielhalle von Bonn-Beuel und sagt, er heiße Wolfgang Böhm.Der Schauspieler Wolfgang Böhm, rundlich untersetzt, der mit Ponyfrisur und Hornbrille aussieht wie Elton John, kündigt "Dreimal deutschsprachige Dramatik / Drei Minidramen in ihrer Beueler Weltpremiere" an und weist bescheiden säuselnd darauf hin, daß er das erste Stück "Alle haben sich lieb.Eine Tragödie" selbst geschrieben habe, "mit mir in der Hauptrolle", er spiele auch im zweiten Teil des Abends mit; nur der dritte Titel, "Das Stockholm-Syndrom", kommt ihm erst ein wenig stockend, gleichsam alzheimernd über die Lippen.Aber sonst läuft das alles ganz syndromatisch.Die Tragödie "Alle haben sich lieb" ist natürlich eine Komödie.Wolfgang Böhm verwandelt sich darin in das Wunderkind Wolfgang, einen Schriftsteller, und dieser Wolferl ist ein Komponist des Schreckens, ein Wolf, und seine Gang die Familie.Das aber hat nicht Wolfgang / Elton, sondern John von Düffel geschrieben.

Schon wären wir nach dem Vorspiel mittendrin, im Anfang.Jetzt geht das Licht aus, für Augenblicke in der Finsternis aber fragen wir uns noch schnell, wo wir eigentlich sind.Wir sind in einem Projekt.Projekt ist das Lieblingswort des neuen deutschen Theaters (und der neuen deutschen Politik), es klingt anspruchsvoll offen, ehrgeizig, aber nicht vollends verpflichtend, vor allem, wenn man es dazu noch zum "work in progress" erklärt.

Das Projekt des Bonner Schauspiels heißt "Leibschreiben" (Folge I), und es ist tatsächlich eine gute Idee.Mit einem guten Geist: der eben heißt John von Düffel.Seit einem Jahr arbeitet der dreiunddreißigjährige Dichter in Bonn, hatte zuvor bereits mit dem "Schlechtesten Theaterstück der Welt" (Orginaltitel) auf der Bühne debütiert und letztes Jahr einen vielgelobten, sprachschönen Roman veröffentlicht ("Vom Wasser").An den Rhein nun lud er Theresia Walser (32) und Moritz Rinke (32), beide aus Berlin, um mit ihnen und einer Gruppe von Bonner Schauspielern diesen Abend aus drei Halbstundenstücken zu kreieren - sie also den Akteuren auf den "Leib zu schreiben".

Vereint planen, getrennt schreiben, zusammen spielen war das Motto.Für jeden gab es 10 000 Mark, etliche Workshops, und weil im deutschen Theater die Zusammenarbeit zwischen lebenden Autoren und lebendigen Theaterleuten noch immer so selten ist und die hier gespielten Dramatiker gerade (sehr zu Recht) im Gespräch sind, kamen Intendanten und Kritiker von weit her in die ehemalige Fabrikhalle des Vororts Bonn-Beuel, um das junge Drama kurz und gut im Dreierpack zu erleben.

Licht an."Alle haben sich lieb".Doch immer nur in den kurz aufleuchtenden Spots von vier Taschenlampen, die in Düffels Eröffnungsdramolett die Gesichter der Sprechenden wechselweise erhellen.Es sind komische Gespensterköpfe, Vater, zwei Söhne auf dem elterlichen Sofa, einer ist der heimgekehrte Wolfgang, der Lieblingssohn und erfolgreiche Horrorschriftsteller, so eine Art Stephen King für den Wohnzimmer(schlacht)gebrauch.

Es fehlt nur die Mutter, die hat wohl irgendein gräßliches Ende genommen und geistert nun durch die Bücher des Sohns, der eine Journalistenfreundin namens Elena mit nach Hause gebracht hat, welche Angelika Fornell wunderbar etepetete und zugleich schreckensgeil vorstellt: eine Mischung aus Susan Stahnke und Gertrud Höhler, falls es sowas gibt.Das Ganze ist ein Slapstick, Untertitel "Homevideo", und John von Düffel hat als Zeremonienmeister den Zauberstab schon zum Auftakt mit hübschem Spuk und Trug geschwungen.Regie Christoph Rech.

Der Mittelteil im Triptychon, "Alles schöne Dinge".Die Dinge sind ein Haufen alter Hausrat, Sperrmüll an einer Haltestelle ohne Halt, dort, wo kein Bus und keine Bahn mehr verkehren, nur fünf sonderbare Stadtstreicher: vom Kleinbürgerpaar ("Sonntagabend passen wir in keine Wohnung / Sonntagabend da sprengts uns aber die Schlappen an die Decke") bis zum "Mädchen im Bärenfellmantel", die in einer Plastiktüte ihre Geheimnisse mit sich trägt, eine Kollektion nie zu sehender (gebrauchter?) Schlüpfer, in denen sonderbare Schicksale stecken: die Tigerdompteurin, eine ausgestoßene Japanerin, eine nackte Ministerin, auch "die große und die kleine Drecksau", alles rührende Schemen, und manchmal kommen dem Bärenfellmädchen darüber die Tränen, und sie fragt sich: "Irene, Irene, was willst du da wieder aus den Augen verlieren?" Ihre Haltestelle heißt Endstation Sehnsucht.

Zum Anfang der Spielzeit hatte Theresia Walser mit ihrer schwarzen Krankenschwesternkomödie "King Kongs Töchter" in Zürich bereits ein tolles, demnächst an mehreren anderen Theatern nachgespieltes Stück vorgelegt.Jetzt beweist sie mit dieser Fingerübung einmal mehr ihr poetisches Talent.Eine Sprachbegabte, die den aufgekratzten Sonntagabendbürger aus dem Schwitzkasten seiner Wünsche und Träume mit solchen Sätzen ausbrechen läßt: "Jetzt möchte ich mich grad in die nächste Ölpest stellen und am Strand die Möwen sauberrubbeln, so viel Kraft habe ich." Vor allem Manfred Meihöfer, Birte Schrein und Petra Kalkutschke spielen das glänzend.

Für Moritz Rinkes "Stockholm-Syndrom" hat Petra-Maria Wirth ihr fahles, vielverwendbares Dreiheitsbühnenbild fast leergeräumt, nur ein Gefangener an einer Laufkette, ein Stuhl, später ein Kinderfahrrad als Requisiten.Es ist, mit inneren und äußeren Stimmen, die Studie einer Zwangsbeziehung: zwischen einer Geisel und ihrem Wächter, hinzu kommt dann noch eine Medienfrau.Angeregt durch Dokumente der Schleyer-Entführung und den Erfahrungsbericht von Jan Philipp Reemtsma, geht es um die im Laufe der Gefangenschaft wachsende Nähe zwischen einem Entführten und den Bewachern - beide lockt und gefährdet die hierbei fortschreitende Enttarnung.

Auch Rinke hat darüber eine kurze Komödie geschrieben, nach dem Motto, daß Humor "die Höflichkeit der Verzweiflung" ist.Zum Beispiel droht dem Entführten im immergleichen Licht des Kellers der Zeit- und Ortssinn abhanden zu kommen, weshalb er den Wächter beim Servieren einer Minimahlzeit fragt: "Ist das ein Frühstücksei oder einfach nur irgendwann ein Ei?" Wolfgang Rüter, der auch in Düffels Anfangsstück dabei war, zeigt den Entführten mit konzentrierter innerer Erregung, dagegen wirken die anderen Figuren durch die Inszenierung eher veräußerlicht: der Wächter zu harmlos, die zynisch-normale Medienfrau zu überdreht lächerlich, tussihaft.

Die Balance in Rinkes Text ist da empfindlicher, raffinierter, als es Regisseur Rech, der zuvor den Düffel so gespensterhell inszeniert hat, am Ende nun glauben macht.Unterhaltsam aber sind alle drei Akte des Abends, und machen Hoffnung.Auf mehr als nur Appetithappen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben