Kultur : Sie kommen zurück

Jordanien sucht den Anschluss und zeigt seine Kulturschätze

Andrea Nüsse

Die ersten Exponate sind in Berlin eingetroffen. Zwei der 10000 Jahre alten Statuen von „Ain Ghazal“, die als die ältesten Großplastiken in Menschenform weltweit gelten, lagern seit letzter Woche im Vorderasiatischen Museum in Berlin. Die Skulpturen aus einem Kalk-Gips-Lehmgemisch mit ihren lebendigen Gesichtern und ausdrucksvollen Augen, die mit Betumen aus dem Toten Meer umrandet sind, gehören zu den Schmuckstücken der Ausstellung „Gesichter des Orients“, die ab 7. Oktober im Alten Museum in Berlin zu sehen sein wird. Bei einer Präsentation des Projekts in Amman betont der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Klaus Schuster, dass dies die größte archäologische Ausstellung über die Region des heutigen Jordanien ist, die jemals in Europa gezeigt wurde. Im Mittelpunkt steht dabei die Region östlich des Jordan als Schnittstelle der größten Kulturen der Zeit von 8000 vor bis etwa 650 nach Christus. Hervorgehoben werden die technischen und zivilisatorischen Innovationen, die aus diesen Begegnungen hervorgingen und auf denen auch die westliche Kultur aufbaut.

Die jordanische Tourismusministerin Alia Bouran hofft, dass Jordanien mit dieser Ausstellung, die insgesamt ein Jahr lang in Deutschland zu sehen sein wird, seinen Platz auf der „kulturellen Karte“ in Europa erhalten werde. Dazu will auch König Abdallah II. beitragen, der zusammen mit Bundespräsident Johannes Rau die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen hat. Der Leiter der jordanischen Altertumsverwaltung, Fawaz al-Khreishah, betont die seit 200 Jahren bestehenden Beziehungen zwischen der deutschen Archäologie und Jordanien, die dazu führten, dass seit den Siebzigerjahren jordanische Archäologen in Deutschland ausgebildet werden.

Derweil scheinen die jordanischen Journalisten den Enthusiasmus der Archäologen und Museumsleute nicht zu teilen. Immer wieder stellen sie die Frage, ob und wann die Exponate nach Jordanien heimkehren würden. Die Furcht, dass die Nationalheiligtümer womöglich einbehalten werden könnten, erklärt sich mit der Vorgeschichte der Ain-Ghazal-Statuen, die erst 1983 und 1985 beim Bau einer Autobahn in einer verfallenen neolithischen Siedlung bei Amman entdeckt wurden. Die Statuen waren aufeinander gestapelt in den Häusern begraben worden und wurden als Erdblöcke geborgen. Die in Zusammenarbeit mit den Briten ausgegrabenen 33 Bildnisse wurden nach London gebracht, wo man sie restaurieren wollte. Bisher wurden aber nur etwa sieben bis neun dieser Figuren wiederhergestellt, weil das Geld ausgegangen ist. Ein Rücktransport nach Jordanien ist allerdings auch nicht möglich, solange die mittlerweile freigelegten Statuen nicht restauriert oder wenigstens fixiert sind.

So verspricht der stellvertretende Generaldirektor der Staatlichen Berliner Museen, Günther Schauerte, dem jordanischen Publikum, dass man in Berlin möglicherweise bis zu sieben der Statuen restaurieren wolle. „Und zwar schneller als in Großbritannien.“ Auch ist eine Nachbildung der Fassade des Wüstenschlosses Mushatta geplant, dessen Original im Islamischen Museum in Berlin steht. Diese Nachbildung wie alle anderen 700 Exponate werden Ende 2005 nach Jordanien zurückkehren, versichert die deutsche Museumsdelegation. Denn dann will Jordanien sein erstes Nationalmuseum eröffnen. Mit dessen Bau soll in den nächsten Wochen begonnen werden.

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