Kultur : Sie läuft und läuft und läuft

Kerstin Decker

Er hat Filme gemacht wie "Geschwister" oder "Dealer". Immer ging es um das Jungsein in Berlin, um die langsame Loslösung von den Familien, aus denen man kommt. Es sind türkische Familien bei Arslan und die Brüche nicht nur solche des Erwachsenwerdens. Sie sind oftmals tiefer, schmerzhafter. Auch in "Der schöne Tag" bleibt Arslan seinem Thema treu, und doch scheint dem "Schönen Tag" die Kraft zu fehlen, die seine früheren Filme besaßen.

Kraft? Keinen Kraft-Film, eher einen Schwebe-Film wollte Arslan wohl machen. Ein junges Mädchen, eine Türkin, treibt durch die Tage. Alles in ihr ist Aufbruch, doch bleibt sie seltsam ziellos. Sie verlässt ihren Freund, ohne wirklichen Grund, vielleicht nur, weil sie noch so jung ist. Wir sehen Deniz (Serpil Turhan) durch Berlin laufen. Ja, das ist der Film: Junge Türkin läuft durch die Stadt, manchmal fährt sie auch mit der S-Bahn. Hinterher erinnert man sich vor allem an ihren Gang. Zwischendurch spricht sie mit den Menschen, die sie zufällig trifft. Schauspielerin möchte sie sein. - Die Absolutheit eines Lebenswillens und die Lakonie der Tage. Die Spannung zwischen beidem wollte Arslan zeigen. Ein türkisch-preußischer Eric Rohmer sollte es werden. Es wurde keiner.

Das Risiko solcher Langsamkeits- und Gesprächsfilme liegt in ihrem Anspruch auf Bedeutsamkeit. Wenn wir zusehen sollen, wie jemand läuft, so muss dieses Laufen mehr sein als eine Fortbewegungsart. Alles muss sich gegenseitig tragen, jede Geste, jedes Wort. Warum nur meint man hier, fast in jedem Augenblick die Regieanweisung zu hören und auch die Dialoge wirken wie aufgesagt? Deniz ist wunderbar jung und sehr absolutistisch. Sie tut anderen weh - dem Freund, ihrer Mutter, ohne es zu wollen, aus einem Übermaß von Erwartung heraus. Sie lebt thesenhaft. Warum auch nicht? Um aus Erfahrung zu leben, ist es zu früh. Und doch denkt man irgendwann: Gänschen! Das Seminaristenhafte ist auch eine Form des Altseins.

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