Kultur : Sie macht fast alles mit den Augen

ULRICH DEUTER

Das Schöne an großer Literatur ist ja, daß sie nicht kaputt geht.Selbst Jubiläen können ihr nichts anhaben, und so gibt es keinen Grund zu klagen, daß, kaum ist Fontane ausgefeiert, schon wieder jemand "Effi Briest" dramatisiert.Bei diesem Roman eines kurzen Staunens und langen Untergehens von 1894/95 kommt alles nur darauf an, ihn nicht auf die Geschichte von Ehebruch und Mannesehre zu verkleinern.Und Fontane nicht auf einen Besänftiger des Status quo.Denn obwohl der Dichter Effis Unglücksweg mit leichter Hand zeichnete und mit Innstetten, ihrem tödlich anständigen Ehemann, viel Sympathie empfand, trieb er doch die furchtbare Chancenlosigkeit dieses Mädchenlebens so tief in den Aufbau seines Romans hinein, daß kluge Interpreten genug Widerständiges darin finden.Fassbinder hat dies in seinem Effi-Film zu zeigen gewußt.

Zuletzt war eine gelungene "Effi-Briest"-Dramatisierung im Mai im Berliner Maxim-Gorki-Theater zu sehen.Daß das Schauspiel Düsseldorf nun nachzieht, liegt in der charmanten Tatsache begründet, daß die Akteure des Klatsches, dem Fontane seinen Romanstoff entnahm, Rittmeister Armand von Ardenne und Ehefrau Else, 1881 vom Lützowufer in Berlin nach Düsseldorf übersiedelt waren, wo Else das Künstlervölkchen vom "Malkasten" in sich verliebt machte und mit Amtsrichter Emil Hartwig ein Verhältnis einging.Im Groben geschah alles, wie im Roman: Entdeckung der Liebesbriefe, Duell, Tod des Rivalen.Nur Effi selbst - Else - lebte noch bis 1952 am Bodensee.

In Inszenierung und Bühne Kazuko Watanabes ist die Welt, durch die Effi ihre paar Schritte laufen darf, ein Sandkasten im Schatten unüberwindlich hoher Herkunftsmauern - halb Kindheitsunbeschwertheit mit der Schaukel drüber, halb pommersche Streusandbüchse.Die Kindfrau langweilt sich, übt Junge-Gattin-Sein, hat Angst vor etwas spukhaft Fremdem, das sie nicht begreift.Hat Freude am liebenswert-kauzigen Apotheker Gieshübler und dann ein wenig Erregung mit Crampas, dem "Damenmann".Nun beruht das Wirkungsgeheimnis von Fontanes Roman darin, das Unheilvolle nicht in den Hauptstrang seiner unendlichen Gespräche, sondern auf den Nebenwegen seiner Haus- und Landschaftsbeschreibungen auszulegen.Das Theater hat diese Möglichkeit nicht; aber es hat Körper, Gesichter.Und vor allem das Judith Engels.Die junge Schauspielerin läßt Effi von Anfang bis Ende Kind sein - und in den paar Jahren ihrer Ehe und ihres Lebens, den drei Stunden dieses Abends zugleich furchtbar altern.Sie macht fast alles mit den Augen.Die blitzen dunkelblau bübisch, strahlen hellblau fragend, glühen schattenhaft ungläubig, taumeln immer plötzlich in eine namenlose Weite, deren Horizont sie nicht kennen.Effi ist gefangen im Traum ihrer Mutter, die Innstetten selbst einst gern gehabt hätte und zu nehmen nicht wagte.Effi äugelt unentwegt; zunehmend nach innen.Am Ende, nachdem ihr Liebhaber tot ist, ihr Mann sie verlassen hat, ist dieser Blick blind.Aber begriffen, was geschehen ist, hat er nicht.

Die Kraft dieses Gesichts allein gibt dem Abend jene leichtsinnige Tragik, die Fontanes beste Momente auszeichnet.Dem Innstetten Michael Abendroths glaubt man, daß er "lieb und gut, aber ein Liebhaber nicht" sei, zwar ist er besitzerstolz, gönnerhaft geduldig, aber er hat einen Schalk und Grübchen, Effi könnte durchaus von ihm, der mit dem Apotheker am Klavier heitere Lieder singt, die Lust an erwachsener Lebensfreude eingepflanzt bekommen haben, die dann Crampas erntet.Der ist in der Darstellung Robert Beyers bemerkenswert: Zunächst ein zackig galantes Männchen mit Strohhut, dann, mit Effi allein, ein spöttelnder Meister rhetorischen Champagnerflaschenöffnens mit Anflügen von Aasigkeit.Verständlich, daß Effi auf solcher Glätte ausrutschen mag.Daß beide irgendwann nebeneinander hinsinken, schwächt die Sache gegenüber dem Roman jedoch ab, wo mit Effi ja zum zweiten Mal etwas geschieht, wie damals ihre Verlobung; mehr als daß sie sich begehrend zu etwas hin befreit hätte.So bleibt die Sache mit der Ehre Historie.Nur Effi, der Judith Engel die Unschuld derjenigen verleiht, die niemals sie selbst sein konnte, besitzt Gültigkeit darüber hinaus.

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