Kultur : Sie sind gekommen, um zu schreiben

Steffen Richter

Was haben Emine Sevgi Özdamar, Ilja Trojanow, Terezía Mora, Feridun Zaimoglu und Saša Stanišic gemeinsam? Sie gehören zur deutschsprachigen Schriftsteller- Elite – das bezeugen der Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb oder Nominierungen für den Deutschen Buchpreis. Und sie stehen für eine verblüffende Erkenntnis: Etliche der besten deutschsprachigen Schriftsteller sind nicht in Deutschland geboren.

Was früher einmal Gastarbeiterliteratur hieß, hat sich gründlich gewandelt. In der Literatur von Migranten geht es längst nicht mehr nur ums Leid am kalten Deutschland oder um Identitätskrisen. Gutmeinende Herablassung braucht diese Literatur auch nicht mehr. Sie tritt selbstbewusst auf – und mit Erfolg. Ein Grund dafür könnte in der deutschen „Erzählschwäche“ der achtziger und neunziger Jahre liegen. Mit ihrer starken mündlichen Überlieferungstradition sei die Migrantenliteratur hierzulande in eine Lücke gestoßen, weil sie sich „genau jene Schranken nicht auferlegte, die die Literatur aus dem deutschsprachigen Raum lange paralysierten“. Das zumindest vermutet Martin Hielscher, Belletristik-Lektor beim Verlag C. H. Beck. Nachlesen kann man Hielschers These in „Literatur und Migration“, einer gerade erschienenen höchst informativen Sondernummer der Zeitschrift „text + kritik“. Die Beiträge beschäftigen sich mit Özdamar, Herta Müller, W. G. Sebald oder Richard Wagner. Schriftsteller wie Yoko Tawada, Anna Mitgutsch oder Dimitré Dinev steuern literarische Texte bei.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte der Migrationsliteratur mit Emine Sevgi Özdamar. An ihrem aktuellsten Kapitel schreibt hingegen der 1978 in Višegrad (Bosnien-Herzegowina) geborene Saša Stanišic . Schon mit seinem Debüt „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (Luchterhand) hat er es auf die Shortlist des deutschen Buchpreises geschafft. Darin erzählt er vom Balkankrieg, von der Flucht nach Deutschland und dem Ende einer Kindheit. Am 15.11. (20 Uhr) kommt Stanišic ins Literarische Colloquium (Am Sandwerder 5, Zehlendorf).

Als Kontrast zur Migrantenliteratur, die bei uns oft aus dem „neuen Europa“ stammt, sei ein Büchlein aus dem ganz „alten Europa“ empfohlen. In seinem Essay „Über das Dandytum“ (Matthes & Seitz Berlin) entwickelte der Pariser Literat Jules Barbey d’Aurevilly 1844 eine hübsche Theorie des Gecken oder Stutzers. Und zwar am Beispiel des Herrn George Brummell, dem Prototyp des Dandys. Lernen kann man, dass Dandytum keine Frage der Kleidung, sondern des inneren Stils und eine etwas exzentrische Reaktion auf gesellschaftliche Konventionen ist. Lernen kann man außerdem, zu welch subtilen Unterscheidungen das 19. Jahrhundert fähig war. Gernot Krämer, der die Neuausgabe übersetzt und kenntnisreich kommentiert hat, präsentiert Barbey d’Aurevillys Buch am 16.11. (20 Uhr 30). Natürlich – da der liebste Ort des Dandys der mondäne Salon war – in Britta Gansebohms Literarischem Salon im BKA-Theater (Mehringdamm 32–34, Kreuzberg).

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