Kultur : Sie tanzen ihr Leben wie ein Gedicht Die Berliner Ballerinen Illmann

und Thiel am Halleschen Ufer

Franz Anton Cramer

Blumen für die Ballerina: Hat es das in diesem Haus schon gegeben? Als Margaret Illmann und Bettina Thiel nach der Premiere von „Lebenslang“ den Schlussapplaus entgegennehmen, fliegen zwei üppige Gebinde vor ihre Füße. Christoph Winkler, der Choreograf des Abends, hebt sie für die Bejubelten auf. Solche Rituale kennt man von großen Ballettbühnen; so wird Stars gehuldigt. Das Theater am Halleschen Ufer war am Wochenende zu einem solchen großen Podium der Selbstdarstellung geworden – und ist doch ein Forum zeitgenössischer Tanzrecherche geblieben.

„Lebenslang“ ist der spannende Versuch, die Berufsgeschichte zweier äußerst erfolgreicher Ballettsolistinnen zu verarbeiten; dabei vermengen sich das Private und das Professionelle. Zunächst hört man Interview-Auszüge, doch gehen die Erzählungen über Berufswahl, Erfolge, Selbsteinschätzung rasch über in Tanz. Dieses Register der Selbstbekundung erweist sich als ebenso beredt wie die Sprache. Winkler lässt die Tänzerinnen klassische Bewegungselemente verwenden, die in einer Weise durchlässig für Persönliches sind, wie man es vom vermeintlich streng kodifizierten Ballettvokabular nicht hätte glauben wollen. So geht es um ganz konkrete Fragen, die das Leben der Tänzerin umkreisen. Zum Beispiel: was es bedeutet, 22 Jahre an demselben Haus engagiert zu sein. Bettina Thiel trat nämlich 1980 ins Ballett der Deutschen Staatsoper ein und ist noch heute dort Erste Solistin. Statt einer Antwort aber wendet sich Thiel, ihrer introvertierten Art entsprechend, langsam um und beginnt ein ergreifendes, auch radikales, eben nicht sentimentales Solo. Sie findet, ebenso wie später der souverän-glamouröse Ballettstar Margaret Illmann, zu essentieller Bewegung, zu gebundener Form – wie Verse sich von Prosa unterscheiden.

Im angekündigten „Finale“, einem ausgesprochen dichten Zweiertanz, den man Duett kaum nennen möchte (da beide Ballerinen in ihre Welt und ihre Erinnerungen versunken erscheinen), erfolgt dann die Darlegung des durch Körperarbeit gleichsam geläuterten tänzerischen Materials. Man erlebt, wie sich eine analytisch durchdrungene und zugleich mit allem Schmelz des Klassischen gestaltete Formensprache entfaltet, in der sich die Temperamente beider Tänzerinnen fast noch eindringlicher darstellen als in den eingespielten Rededokumenten. Das Persönliche geht im Formalen auf – nahtlos, grenzenlos. Selten wird das Prinzip des Tanzes, auch und vor allem des klassischen, so augenfällig wie in diesem ehrfurchtsvoll choreografierten Zusammentreffen zweier großer Tänzerinnen auf der Bühne des Privaten. Es hätte noch viel mehr Blumengaben geben dürfen für Margaret Illmann und Bettina Thiel.

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