Kultur : Sie tun es, sie machen’s

THEATER

Peter Laudenbach

Gut vier Jahre nach der Hamburger Uraufführung testet das Deutsche Theater Berlin in den Kammerspielen, was von Jeff Koons übrig geblieben ist, Rainald Goetz’ Stück über das Nachtleben, die Partys und die Kunst der Neunziger. Ein junger Regisseur, Martin Pfaff, probt die Historisierung eines Textes, der in Stefan Bachmanns Inszenierung seinerzeit ganz heutig, den Sensationen des Augenblicks hingegeben wirkte – und in einem Plüschtier-Massaker grandios ihre Selbstzerstörung feierte. Weil der Pop inzwischen etwas alt und müde geworden ist und das Pop-Theater seine Zeit hinter sich hat, sind hier alle Reste von Glamour und Glück der Entgrenzung sorgfältig entsorgt. Die Bühne von Claudia Rohner: ein dunkler Kasten. Ab und zu fahren gläserne Fahrstühle nach oben, eine Glaswand schwebt herab, Neonröhren blinken sachlich. Die Vorderbühne beweist mit einer Lounge, die vor allem Trendbewusstsein signalisieren will, dass die Künste moderner Inneneinrichtung am Deutschen Theater nicht an der Kammerbar Halt machen. Dort wäre „Jeff Koons“ vielleicht besser aufgehoben.

Goetz’ Stück surft zwischen Dialogfetzen, lyrischen Einsprengseln, Momentaufnahmen, in schöne Verstiegenheiten abrauschende Theorie-Brocken, Drogen-Delirier-Gequatsche und schlichten Sex-Songs („sie poppen / sie ficken / sie tun es / sie machen’s“). Kein Stück mit psychologisch durchkonstruierten Figuren und klarer Handlung, sondern eine Text-Collage, die auch gerne einfach ein guter Soundtrack wäre: „bum / tscha bum / tscha bumm tscha / bumm“. Weil das Deutsche Theater im Grunde doch ein ordentliches Theater ist, macht man dort aus diesem unübersichtlichen Text-Geflecht ein ordentliches Stück. Aus den Gedichten, Songs und Selbstgesprächen, dem puren, endlos mäandernden Text, werden sauber ausgestanzte Figuren gepresst, die dann „Frau Conradi, Kommissarin" oder „Kai, Zeitungsverkäufer“ heißen.

Weil der Text bei Goetz nichts als Text sein will, Schnappschüsse aus dem Bewusstseinsstrom, gibt er solche Figuren nicht her. Sie geraten flach bis zur Karikatur. Ihre Sprache wird beliebige Füllmasse, zu der dann genau so beliebige Nummern herbeiimprovisiert werden müssen. Indem die Regie den Text illustrativ verdoppelt, macht sie ihn zu leer laufendem Bla-Bla. Und wenn Elisabeth Trissenaar als Parodie einer „Tatort“-Kommissarin um sich schießt und sinnfreie Sätze flötet, ist die Grenze des unfreiwillig Komischen dann leider überschritten.

Jeff Koons Name ist bei Goetz nur eine Parole, ein Stücktitel wie ein Firmenlabel oder ein Signal. Statt solche Spiele mit Zeichen und Symbolen im Szenischen fortzusetzen, für sie eine eigene Theatersprache zu finden, setzt Pfaff auf schlichten Naturalismus. Das Stück heißt „Jeff Koons“? Also basteln wir uns eine Figur namens „Jeff Koons, Künstler“. Horst Lebinsky, ganz stoischer, durch keine Regie-Unbedarftheit zu erschütternder Komiker, spielt ihn als komische Mischung aus Buster Keaton und Kunstbetriebs-Quatsch-Nase, eine kleine lustige Denunziation des Künstlers als alte Plaudertasche. Diese Ironie-Gestus wäre eine Haltung dem Text gegenüber. Aber auch dazu reicht es nicht. Lieber witzelt sich die Inszenierung von Nümmerchen zu Nümmerchen.

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