Kultur : Sie will bloß schöne Bücher

WALTER BOEHLICH

Viele gründen einen Verlag und beginnen klein, wollen aber groß werden, und da es ihnen an Geduld mangelt, fehlt es ihnen bald an Kapital, das sie sich von Geldgebern beschaffen, von denen sie so abhängig werden, daß sie am Ende bei einem Konzern unterkriechen und damit zwar ihre Existenz sichern, aber auch den Konzentrationsprozess befördern. Eine aber, Katharina Wolff-Wagenbach, die heute ihren 70. Geburtstag feiert, hat klein angefangen und ist klein geblieben mit ihrem Ein-Frau-Betrieb. Sie will keine Grösse, sie will bloß schöne Bücher machen, das ist ihr in den langen Jahren allemal gelungen. Ihre Bücher sind wunderschön, mit unendlicher Sorgfalt hergestellt, fast für Liebhaber, gewiß aber für Liebhaber der "schönen Literatur".Was man bei ihr weder suchen noch finden wird, sind Bestseller, die immer nur wieder zu neuen Bestsellern zwingen, Verlage und Produktion aufschwemmen und den Sinn für das Abgelegene, auch Abseitige zerstören. Was sie auszeichnet, sind ihre Entdeckungen, von denen sich einige sogar ganz gut verkauft haben, sodaß ihre Neigung, ein wenig am Markt vorbeizuproduzieren, sie nicht in sonderliche Schwierigkeiten gebracht hat. Mit all dem hat sie sich viele Freunde erworben, von denen einige auf ihre Weise das Programm zu bereichern pflegen. So wie sie bescheiden und auch ein wenig rechnend fähig ist, ein halbes Jahr überhaupt keine neuen Bücher zu veröffentlichen, ist sie auch fähig, aus einem Zufall etwas Dauerhaftes zu machen! Das Winterbuch. Vor allem aber liebt sie die slawischen Literaturen, die bei ihr aufblühen und wuchern, bis hin zu dem neuen Projekt der ganzen Prosa von Puskin - einem der vielen Gründe, sie und ihren kleinen, aber feinen Verlag zu lieben und ihr Glück zu wünschen für noch viele, viele Jahre.

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