Kultur : „Sie wurde für ihre Vernunft attackiert“

Der Schriftsteller Lars Gustafsson über den Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh

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Herr Gustafsson, über den Mörder der schwedischen Außenministerin Anna Lindh gibt es bisher nur Spekulationen. Können Sie sich vorstellen, dass er ein politisches Attentat beging?

Die Hypothese, dass es eine politische Tat war, würde bedeuten, dass sich die politische Kultur Schwedens radikal verändert hat und wir uns in einem deutlichen Verfall befinden. Es wäre furchtbar, wenn es ein Mord wie 1922 am deutschen Reichsaußenminister Walther Rathenau wäre.

Und wenn es ein Verrückter war?

Es ist eine Tatsache, dass die schwedische Psychiatrie nicht genug Geld hat. Gerade in Stockholm hat es ein paar Episoden gegeben, bei denen instabile Menschen, die eigentlich medizinisch hätten behandelt werden müssen, Gewalttaten begingen. Man sollte gleichzeitig bedenken, dass es immer noch allzu romantische Theorien über die gesellschaftlichen Ursprünge von Geisteskrankheiten gibt, die aus den Sechzigerjahren stammen.

Halten Sie die politische Kultur Schwedens denn noch für intakt?

Im Großen und Ganzen ja. Wenn Sie allerdings danach fragen, ob das Attentat in Analogie zum 11. September in den USA zu einer Mentalitätswende führt, kann ich darauf nur spekulativ antworten.

War der Mord an Schwedens Ministerpräsident Olof Palme vor 17 Jahren nicht ein erster Einschnitt?

Meine persönliche Theorie in Bezug auf Olof Palme ist, dass der Mord an ihm mit seiner Haltung zum IranIrak-Krieg zu tun hatte. Natürlich war es damals ein Schock. Aber ich glaube nicht, dass es eine politische Wende war.

Der Mord an Anna Lindh wird in Zusammenhang mit der geplanten Einführung des Euro gebracht. Hat der partielle Widerstand gegen den Euro mit der Sorge um den schwedischen Wohlstand zu tun oder mit nationalen Motiven wie in England?

Die Debatte über die Einführung des Euro in Schweden ist eigentlich eine rein technische Angelegenheit, eine Ingenieursfrage. Dennoch wurde sie in den letzten Wochen immer heftiger geführt, und sie hat eine eigentümliche Wendung genommen. Ende der Neunziger war der Sozialismus noch internationalistisch, und die konservativen Parteien in Europa waren streng isolationistisch. Inzwischen haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Die extreme Linke ist nationalistisch. Ich denke an die Antiglobalismus-Terroristen, die in den Straßen herumwildern, aber auch an die schwedische Linke, die sich dem Euro widersetzt hat.

Welche Rolle hat Anna Lindh dabei gespielt?

Sie hat etwa in einem Artikel, den sie mit Carl-Henric Svanberg, dem Chef des Mobilfunkunternehmens Ericsson, verfasste, davor gewarnt, dass eine isolationistische Politik zur Auswanderung wichtiger Exportunternehmen führen könnte. Für diese ausgesprochen vernünftige Haltung wurde sie attackiert, bis zum Vorwurf des Klassenverrats.

Wie beurteilen Sie die schwedische Situation im Vergleich zu anderen europäischen Staaten? Sowohl in Holland, wo der Rechtspopulist Pim Fortuyn ermordet wurde, als auch in Belgien, wo in den Fall des Kinderschänders Marc Dutroux hochrangige Persönlichkeiten verwickelt sind, scheint es etwas zu geben, das dem Bild einer hellen, toleranten, zivilisierten Gesellschaft widerspricht. In Deutschland gibt es diese Spannung nicht.

Ja, in Deutschland ist es ruhiger. Auch deshalb komme ich immer wieder gern für einige Wochen nach Berlin. Diese Stadt hat alle Katastrophen schon hinter sich. Das ist vielleicht ein zynischer Scherz, aber die deutsche Demokratie scheint einen tiefen Erfahrungshintergrund zu besitzen, der in Krisenzeiten hilft, Ruhe zu bewahren. Andere Länder, die sich in einer Zeit zunehmender politischer Gewalt behaupten müssen, sind mehr darauf angewiesen, an das Gute im Menschen zu glauben. Es gibt Dummköpfe wie die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, die meinen, dass man den 11. September als politisch motivierten Protestakt gegen den globalen Industrialismus lesen muss. Das halte ich für sehr gefährlich.

Das Gespräch führte Gregor Dotzauer.

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