Kultur : Sieben Arten, ein Seil zu erklimmen

Neues Bauen in Berlin: Eine Sporthalle für Artisten in Prenzlauer Berg schafft Raum für große Sprünge

Falk Jaeger

Seiltänzer, Trapezkünstler, Rhönradartisten, Jongleure: Allerlei kurzweilige Unterhaltung bekommt geboten, wer einen neugierigen Blick in die eigentümliche Halle wirft, die seit kurzem in einem ruhigen Quartier in Prenzlauer Berg das Stadtbild bereichert.

„Wir hätten nie die Kraft, so eine einmalige Schule zu gründen“, gestand der Senator in seiner Eröffnungsrede und freute sich, dass es sie gibt, die Staatliche Ballettschule Berlin und Schule für Artistik. Die DDR gründete schon1956 eine Artistenschmiede vor allem für den Nachwuchs an fliegenden Menschen und Gauklern in ihrem Staatszirkus. So rühmt sich Berlin nun dieser DDR-Errungenschaft als einziger staatlich anerkannter Artistenschule in Deutschland.

Nach der Wende erfolgte der Zusammenschluss mit der Staatlichen Ballettschule. 40 Artisten- und 120 Ballettschüler üben gemeinsam in der Erich-Weinert-Straße, können im Internat wohnen und an der dem Landesschulamt direkt unterstehenden Lehranstalt außerdem den Real- und Berufsfachschulabschluss erwerben. Fahrende Leute sind auch die Berliner Artistenschüler schon immer gewesen, waren sie doch mit ihrem Trainingsbetrieb von Anbeginn an zu Gast in fremden Hallen. Doch nun erleben sie, eine Randgruppe ohne Lobby, in Zeiten gähnender Haushaltslöcher, das Wunder der Zuwendung einer großen Investition, den Neubau einer Trainingshalle, die all ihre Wünsche erfüllt. Nicht irgendeine Sporthalle, die den Höhendrang unterdrückt. Artisten wollen sich schließlich in die Kuppel erheben und mit ihren Schwüngen den gesamten Raum durchmessen.

Gedanken fliegen

Nun können sie von Trapez zu Trapez fliegen, dreifache Salti in höheren Sphären üben oder die sieben Arten, mit Eleganz ein Seil zu erklimmen. Sie können schweres Gerät von der Decke abhängen oder im Boden verankern, ohne die Statik in Gefahr zu bringen.

Der Entwurf stammt von dem „hoch geschätzten Architekten“ Thomas Langhof (so Schulsenator Böger); die Ausführung besorgten die Architekten Lubic & Woehrlin. Gemeinsam haben sie einen Raum geschaffen, der mit warmem Ahornpaneel ausgekleidet und hell belichtet ist. Ein Raum, der freundlich, fast heiter stimmt und der einen dazu verführt, die Gedanken fliegen zu lassen: Zuerst fliegen die Träume, dann folgt ihnen der Mensch. Dabei ist die Geometrie dieses Raumes schwer zu erfassen,, denn die vertikalen Stufen des gestaffelten Raumes sind nach außen geneigt. Die Glasflächen in Dach und Wänden öffnen dem Licht alle Schleusen, doch es ist ein gefiltertes Licht, denn geblendet greifen Artist und Jongleur ins Leere.

Von außen wird das Konstruktionsprinzip deutlich: Mächtige Bogenbinder überwölben die Halle; an ihnen abgehängt ist die gestufte Hallendecke, zwischen ihnen spannt sich eine textile transluzente Membran, die das Licht dämpft, ehe es die Fensterflächen erreicht. So kommt es zur signifikanten tonnenartigen Großform der Artistenhalle, deren Stirnseiten mit ihren weißen Lamellen den Innenraum nachzeichnen. Der Dachreiter in Form einer Tragfläche – auch er ist textil bespannt – dient der Lüftung und lugt zeichenhaft an den Stirnseiten über die Traufe.

Ein flacher Trakt mit Umkleideräumen und Platz für Seminare, Ballettübungen und Gerätschaft erstreckt sich entlang der Straße mit respektvollem Abstand zur Halle, um deren (Halb-)Kreise nicht zu stören. Stichgänge verbinden den Trakt mit der Halle und geben mit großen Bullaugen den Blick auf die prächtigen stählernen Füße der Bogenbinder frei, diese präsentierend, inszenierend, ja geradezu feiernd.

Licht modelliert

Mit wenigen Kunstgriffen gelingt es den Architekten, die an sich wenig spektakuläre Architektur zu nobilitieren. Der Kunst am Bau hätte es dazu nicht einmal bedurft. Leonardo Mosso, italienischer Lichtkünstler aus Pino Torinese, hat auf jedem Giebel drei Dutzend farbige Neonröhren verteilt: Eine Lichtskulptur, die – natürlich nur bei Dunkelheit – eine weitere künstlerische Erfahrung ins Spiel bringt.

Wer würde ein derartiges architektonisches Bravourstück vermuten in einer Gegend, deren Straßen Namen wie Gubitz, Hosemann oder Erich Weinert tragen? Doch Berlin ist beileibe nicht arm an solchen Trouvaillen an unscheinbaren Standorten. Es lohnt, die Augen offen zu halten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar