Sieben Episoden : Besser als der Osterhase

Schlüssel, Geld, Zündplätzchen, Briefe: Eigentlich ist doch jeden Tag Ostern. Sieben Episoden über das Verstecken und verzweifelte Suchen.

SEIN NAME IST SUPERSCHURKE



Ich war zehn, und am Abend sollte das Fernsehen James Bond zeigen: „Sag niemals nie“. Mein Vater war im Gegensatz zu mir nicht der Meinung, dass ich einen Film sehen musste, dessen Plot zu einem guten Teil von Schießereien und Explosionen getragen wurde, und die Diskussion, ob ich meinen Abend mit Bond vor der Glotze verbringen dürfte, nahm einen vorhersehbaren Verlauf („Bittebittebittebittebitte!“ – „Nö.“). Hätte ich geahnt, dass kurz darauf mein Opa anrufen würde, um meine Eltern zu einem Ausflug zu „Rhein in Flammen“ zu überreden, hätte ich gar nicht gefragt. Während sie also ihren Abend bei einer Veranstaltung verbrachten, deren Verlauf ebenfalls zu einem guten Teil von Schießereien und Explosionen getragen wurde, setzte ich mich um Viertel nach acht vor den Fernseher, schaltete ein und sah: Schnee. Auf allen Kanälen. Mein Vater, der Superschurke, hatte das Antennenkabel versteckt.Philipp Schwenke

DAS GRAB DER LIEBE

Als Teenager wünschte ich mir nichts sehnlicher als ein Stück Privatsphäre. Meine Zimmertür konnte ich nicht abschließen – meine Mutter mochte keine Geheimnisse unter ihrem Dach. Als meine Großmutter mir zum 15. Geburtstag eine feuerrote Kassette mit einem Münzfach schenkte, hatte ich endlich ein Versteck für meine Geheimnisse: die Aufkleber aus der „Bravo“ und natürlich die Briefchen, die mir in den Pausen auf dem Schulhof von Mädchen zugesteckt worden waren. Dass die nicht nur neue Playlists mit mir tauschen wollten, wurde mir erst sehr viel später klar.

Mit 18 Jahren zog ich von zuhause aus. Den kleinen Schlüssel für die Kassette nahm ich mit. Seitdem ruhen die Zeugnisse meiner Teenager-Jahre hinter Schloß und Riegel, unberührt. Denn vor zehn Jahren bemerkte ich, dass ich den Schlüssel irgendwann verloren haben musste. Die Kassette steht seitdem wie ein Schrein meiner gescheiterten Wahrnehmung im Kinderzimmer. Von Mädchen habe ich seitdem keine Liebesbriefe mehr bekommen. Ulf Lippitz

DIGITALE SALMONELLEN

Ihr Name lautet kurz und nahe liegend Easter Eggs. Doch diese Ostereier bestehen nicht aus Schokolade oder einer anderen Nascherei, sondern aus Bits and Bytes. Easter Eggs sind Bestandteile von Computerprogrammen. Der Legende nach hat ein gewisser Warren Robinett im Jahr 1978 in einem Atari-Videospiel das erste digitale Osterei versteckt, als er sich selbst als Autor des Spiels verewigte. In der Folgezeit wurden Easter Eggs ein fester Bestandteil der Programme. Mit der richtigen Tastenkombination wurden neben Abspännen mit Programmierernamen ganze Spiele in sonst eher nutzwertorientierten Programmen aktiviert. Ältere Computernutzer erinnern sich daran, wie sie in der ehemals deutschen Bürosoftware Star Office das Kistenschiebespiel „Sokoban“ fanden, auch von versteckten „Tetris“Ablegern wird erzählt.

Tatsächlich kann man noch heute solche netten Ostereier finden. Man muss nur in einem neu eröffneten Word-Dokument den Befehl =rand(200,2) eingeben und mit Enter bestätigen. Kurt Sagatz

MARX ALS SPARBUCH

Genosse W. braucht einen Tresor. Er ist politisch ein Linker und mithin Anhänger der Idee einer Revolution, einerseits. Andererseits ist er Buchhalter eines Taxikollektivs und damit der Hüter des eingefahrenen Schatzes: Jeden Tag liefern seine Kollegen das Bargeld ihrer Schicht bei ihm zuhause ab. So wird W.s Wohnung zu einer Bank, die mit einem läppischen Schloss gesichert ist … Genosse W. hat Angst vor Einbrechern, auch wenn er jederzeit den Satz des Anarchisten Proudhon unterschreiben würde: „Eigentum ist Diebstahl.“

Diese Episode spielt im Berlin der 70er Jahre. Die meisten Taxifahrer sind Diplom-Volkswirte, Studenten, promovierte Philosophen. Sie reden in einer merkwürdigen Sprache miteinander: Sie sagen „Kutscher“, nicht Fahrer, sie reden von „Bock“, wenn sie den Daimler meinen, Trinkgeld nennen sie „Schmalz“; „zwei Scheine“ bedeutet einen Umsatz von 200 Mark. Um der Ausbeutung durch blöde Chefs zu entgehen, gründen die (meist) Linken GmbHs und kaufen Limousinen und Taxilizenzen mit Krediten. Nur Genosse W. hatte dieses Problem: Sein Fernziel ist der Kommunismus und damit die Abschaffung des Geldes – doch bis dahin muss er die Geldscheine vor Räubern verstecken.

W. nimmt ein Teppichmesser und ein blaues Buch aus dem Regal. Er schneidet von etwa 150 Seiten den inneren Teil heraus, in diese Höhle packt er das kleine Kollektivvermögen, bis er es dann zur Bank bringt. Auf dem Buchrücken steht: „MEW – Band 23“. So wurde Das Kapital von Karl Marx zu einer Art Sparbuch – bis heute, übrigens. Norbert Thomma

LOST

Mein kleiner Bruder war, wie alle Letztgeborenen, ein kleiner Diktator. Das wurde spätestens 1984 klar, als er zwei Jahre alt war und mit einem extra aus Holland eingeschifften Mini-Hockeyschläger zwar gern den Ball schlug, viel lieber aber meinen älteren Bruder und mich. Inspiriert von der Hoffnung, dass er sich irgendwann bessern würde, dachte sich meine Mutter ein phänomenales Versteck für den Hockeyschläger aus. Es war so gut, dass sie selbst ihn bis heute nicht wiedergefunden hat. Anna Kemper

VERLORENE ZEIT

Es gibt Dinge, die sucht man ein Leben lang: den Sinn des Lebens oder die Zeit, die unerbittlich verstreichende, die unwiderruflich vergangene, die verlorene Zeit. Marcel Proust hat dieser Suche Anfang des 20. Jahrhundert mit seinem siebenbändigen Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nicht nur ein Denkmal gesetzt, sondern sie auch erfolgreich zum Abschluss gebracht mit dem letzten Teil, „Le temps retrouvé“, der wiedergefundenen Zeit.

Seine Recherche ist ein Roman der Erinnerung. Marcel Proust versucht darin, seiner Existenz auf den Grund zu kommen; einer Existenz, die an verschiedene Orte wie Paris oder Balbec und Combray und an eine bestimmte Zeit sowie eine bestimmte Gesellschaft gebunden ist. Er möchte sich seiner selbst vergewissern: „Ich verstand die Bedeutung des Todes, der Liebe, der Berufung, der Freuden des Geistes und den Namen des Schmerzes.“ Das Vergessen und seine genauso heilsame wie zerstörerische Kraft, die Macht der Gewohnheit und die Arbeit der Erinnerung, der willentlichen und der viel berühmteren unwillentlichen (die Madeleine, die Treppenstufen in Venedig uvm.) – diese Faktoren machen das Wesen der Suche nach der verlorenen Zeit aus.

Und so fügt sich im letzten Band, in „Die wiedergefundene Zeit“ eins zum anderen: „Da kam mir plötzlich der Gedanke, daß in meinem Werk, sofern ich noch die Kraft hätte, es zu vollenden, diese Matinee (...) ganz gewiß ein Bild dafür abgeben würde, was ich früher in der Kirche von Combray erahnt hatte und uns gewöhnlich unsichtbar bleibt: die Zeit.“ Marcel Proust macht sich an die Arbeit. Die Zeit hat er wiedergefunden, die Suche beginnt. Gerrit Bartels

MUNITIONSLAGER

Als ziemlich kleiner Junge, ich glaube, ich war ungefähr fünf, teilte ich mir ein Zimmer mit meinem großen Bruder. Der war zwölf und nicht nur größer, sondern auch beträchtlich stärker, weshalb ich mich an Sonn- und Feiertagen immer erst rühren durfte, wenn er wach war. Wir teilten uns auch den Schrank, vielleicht lag es daran, dass ich mich nach etwas Eigenem sehnte. Und ich wusste ganz genau, wo ich das finden würde: in der Wand unmittelbar neben meinem Bett. Dort würde ich mein Geheimfach einrichten. Ich besorgte mir also einen Löffel, löste vorsichtig die Tapete in Höhe meiner Matratze ab, und immer, wenn mein Bruder noch schlief und ich sowieso nichts Besseres tun konnte, kratzte ich den Putz hinter der Tapete raus.

Mein Ziel: Ich würde einen Ziegelstein herauslösen. In diesem Loch würde ich zum Beispiel Zündplätzchen verstecken können für die Spielzeugpistole, die ich nach Meinung meines Vaters sowieso nicht haben durfte.

Leider flog mein raffinierter Plan vorzeitig auf. Vielleicht auch zum Glück, wer weiß, vielleicht wäre das Haus eingestürzt oder ich wäre ins Treppenhaus durchgebrochen. Mein Bruder ist übrigens schon in sehr jungen Jahren ausgezogen. Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Andreas Austilat

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