Kultur : Sieben fette Jahre

Streit um die Flick Collection: Warum private Sammlungen die Museumslandschaft bereichern – und beschädigen

Nicola Kuhn

Der Countdown läuft. In knapp fünf Monaten wird neben dem Hamburger Bahnhof in den Rieck-Hallen die Flick Collection präsentiert. Noch haben die Handwerker in den ehemaligen Speditionshallen, die der Sammler für 7,5 Millionen Euro herrichten lässt, das Sagen. Im Herbst wird dann parallel zur Kunstmesse art-forum das Geheimnis um die sagenhafte Schweizer Sammlung gelüftet, die als Leihgabe für die ebenfalls märchenhafte Zahl von sieben Jahren in die Obhut des benachbarten Museums für Gegenwart übergeht. Erst dann wird man sehen, ob die Kunst den Deal trägt, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit dem Sammler ausgehandelt hat. Die Szene zeitgenössischer Kunst wird allemal bereichert.

Eher überraschend zum jetzigen Zeitpunkt – über ein Jahr nach Unterzeichnung des Leihvertrags, wenige Monate vor Eröffnung der Sammlung – kommt da ein Angriff seitens der „Zeit“: Der fiskalische und moralische Widerstand gegen die Sammlung wachse, warnt die Wochenzeitung in ihrer gestrigen Ausgabe. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, beeilte sich sogleich mit einer Richtigstellung: Die 2000 Werke umfassende Leihgabe sei kein „kostspieliges Danaergeschenk, das zu Lasten des Betriebs gehe und eine unkalkulierbare finanzielle Belastung darstelle“. Vielmehr werde die Flick Collection ihre Kosten im laufenden Etat erwirtschaften, ja voraussichtlich zusätzliche Einnahmen von rund 750000 Euro erzielen. Das klingt ebenfalls beinahe märchenhaft angesichts der Aufwändungen für Klima, Licht, Aufsichtspersonal, die erwartet werden dürfen. Hinzu kommt die Summe von 400000 Euro pro jährlicher Ausstellung; allein für die Eröffnungsschau sind 1,44 Millionen Euro veranschlagt. Diese Gelder stammen übrigens aus dem Ausstellungsetat des Hamburger Bahnhofs. Die hauseigenen Aktivitäten werden schon sichtbar spärlicher.

In seiner geharnischten Antwort auf die Vorwürfe der „Zeit“ weist Lehmann deutlich darauf hin, dass der Leihvertrag mit Flick „in seinen Grundsätzen den in solchen Fällen üblichen Vereinbarungen entspricht“. Genau dort liegt der Hase im Pfeffer. Am Beispiel der Flick Collection manifestiert sich nur noch einmal, in welch schwieriger Lage sich die öffentlichen Museen angesichts leerer Kassen befinden und wie sehr sie auf die Kooperation mit Sammlern angewiesen sind. Es fehlt das Geld für eigene Erwerbungen, also müssen private Gönner einspringen, die allerdings häufig ihre Sicht der Dinge gewahrt wissen wollen und auf einer geschlossenen Präsentation ihrer Schätze bestehen. Letzteres war übrigens der Grund für die Abwanderung der Sammlung Bollert jüngst nach München, die ursprünglich im Bode-Museum beheimatet werden sollte.

Dort war es nur um einen eigenen Ausstellungssaal gegangen; die Sammler der Moderne hingegen verhandeln häufig über ganze Häuser. Die zerfaserte Berliner Museumslandschaft ist dafür ein anschauliches Beispiel. Die Neue Nationalgalerie als Hauptsitz befindet sich am Kulturforum im Mies- van-der-Rohe-Bau. Hinzu kommen der Hamburger Bahnhof, in dem die Sammlung Marx residiert und seit Jahren den Großteil der Ausstellungsfläche dominiert. Die Sammlung Berggruen logiert im östlichen Stülerbau, für die Sammlung Helmut Newtons werden gerade die unteren beiden Geschosse im Landwehrcasino hergerichtet, unter einem Dach mit dem neuen Museum für Fotografie. Die Surrealisten-Sammlung Scharf soll wiederum sobald wie möglich in den westlichen Stülerbau einziehen.

Nun mag man ein über die Stadt verteiltes Patchwork privater Kollektionen animierend finden – dem ursprünglichen Auftrag öffentlicher Museen entspricht das kaum. Jede Sammlung bildet ihr eigenes Herzogtum; die kritische Befragung und Gegenüberstellung mit dem Museumsbestand, was die eigentliche Aufgabe der Kuratoren wäre, gerät gefährlich ins Hintertreffen. Die Flick Collection wird womöglich noch nicht einmal bleiben, sondern nach den sieben fetten Jahren die Stadt wieder verlassen. Zurück bleibt dann zumindest „ein funktionsfähiger Museumsbau“ (Lehmann). Versprochen!?

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