Kultur : Sieben Jahre Leben

Michael von Erlenbach überwindet mit seiner Videoarbeit „In-between“ die Zeitmauer

Thea Herold

Man denkt an seine Reihenhängung gemalter Porträts nach Holbein, Pisanello und anderen geduldigen Zeitgenossen. Man denkt auch an Michael von Erlenbachs Beherrschung mittelalterlicher Lasurmalerei und deren moderne Aneignung vermittels Pergament, Aquarellfarbe und Gießharz. Dabei geht es diesmal um eine einzelne Videoarbeit: Der 1963 geborene Künstler, der von Beruf zunächst Winzer war, um dann doch seiner Berufung als Maler zu folgen, zeigt „In-between“ nun in der Galerie SPHN am Berliner Koppenplatz.

Die Idee ist auf den ersten Blick schlicht, fast simpel: Gesichter im Monitor. Bloß nicht schon wieder, möchte man seufzen, aber im nächsten Moment bleibt der Blick doch hängen. „Beschreib dein eigenes Gesicht zwischen Scheitel und Kinn“, so etwa muss die Frage gelautet haben, die Erlenbach an seine Probanden stellte. Ihre Antworten nahm er auf. Vor sieben Jahren und in diesem Frühjahr noch einmal. In der Galerie stehen das jüngere und das gereifte Gesicht mitsamt der Beschreibungen nebeneinander. Der Zuschauer setzt sich Kopfhörer auf und muss entscheiden, welcher Tonspur er folgt. Oder er nimmt beide Gesichter ohne Ton wahr. Beobachtet das Erklären der eigenen Physis. Als Doppel-Porträt mit siebenjähriger Zeitmauer.

Reizvoll ist beides. Bleibt doch das Gesicht die intimste wie öffentlichste Spielfläche menschlicher Eigenheit. Bleibt auch die Frage, wie soll man sich beschreiben? Niemandem fiel es leicht. Das erwähnt jeder der Befragten. Offenbar gerät nichts so schnell in Vergessenheit wie das, was zur Gewohnheit wird wie das eigene Gesicht. Und irgendwie erzeugt Erlenbachs digitales Doppelporträt eine seltsame Zuneigung zu den Gesichtern in der älteren Version. Weil alle, die mitspielen, sich heute klarer ansehen, schärfer formulieren, sich im besten Falle öffnen und trotzdem rätselhaft bleiben. Wenn soviel An-Sehen zum wirklichen Hinsehen führt, steht das in bester Tradition guter Porträtkunst.

Galerie SPHN, Koppenplatz 6, bis 23. August; Dienstag bis Freitag 14–19 Uhr, Sonnabend 12–17 Uhr.

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