Kultur : Sieben kurze Filme über die Zeit

Von Amerika nach China: „Ten Minutes Older –The Trumpet“ reist durch das Autorenkino dieser Welt

Jan Schulz-Ojala

In zehn Minuten kann man das Leben eines Säuglings retten. Oder einen halluzinierenden Mann ins Krankenhaus fahren, der zu viele Kekse für Erwachsene genascht hat. In zehn Minuten können plötzlich alle US-Fernsehsender George W. Bush zum Wahlsieger ausrufen, obwohl die Auszählung noch immer auf Messers Schneide steht. In zehn Minuten kann ein Mann eine Frau ins Leben entführen. Oder der Mensch auch ganz wunderbar seine Zeit vertun.

„Ten Minutes Older – The Trumpet“ zeigt, immer abwechselnd in Farbe und Schwarzweiß, sieben kurze Filme von sieben großen Autorenfilmern dieser Welt. Dazwischen sehen wir einen Fluss, dessen silbriges Irisieren jeweils überblendet in den Namenszug des folgenden Regisseurs, und hören dazu die Trompete von Hugh Masekela. Ein Episodenfilm ist das also, auch Omnibusfilm genannt – und da zuckelt man so mit, von Haltestelle zu Haltestelle. Mal mag man eine verdämmern, um bei der nächsten umso wacher zu sein. „Ten Minutes Older“ erzählt ja auch nicht eigentlich vom Zehnminutenälterweden, sondern von einer Art Kollektivmeditation – von zehn gelebten Minuten bis zu zehntausend gefühlten Jahren.

Lieblingsepisoden bleiben da nicht aus. Meine liebste hat Victor Erice gedreht, ein fast vergessener Regisseur, der nur alle zehn Jahre einen Film macht. „Lebenslinie“ ist spanische Provinz, ein Sommertag 1940, ein Gehöft in den Bergen. Ein Stilleben aus Überblendungen in stiller Bewegung: Die Dienerschaft näht und mäht, die Alten legen Patiencen, die Kinder spielen Spazierfahrt im abgestellten Auto, und die junge Mutter schläft neben ihrem langsam verblutenden Neugeborenen. Ein Katzenmiauen, ein Kinderschrei – und eine sanfte Operation, die das Kind ins Leben zurückholt. „Wolltest uns vor der Zeit verlassen“, sagt die Hebamme, während sie den Nabel neu abbindet. Macht man doch nicht, Kindchen, denkt auch die Menschengemeinde vor und auf der Leinwand, so einfach vor der Zeit gehen.

Die zweitliebste? Jim Jarmuschs „Innen. Wohnwagen. Nacht“. Chloé Sevignys Drehpause. Sie hat zehn Minuten im Wohnwagen, sie hört Musik, dann klingelt das Handy, ihr eifersüchtelnder Geliebter ist dran, während das Scriptgirl, der Tonmann, die Cateringfrau und noch ein paar Leute hereinschauen. Am Schluss hat sie noch ein paar Sekunden vor sich und ein ratlos machendes Telefongespräch hinter sich und drückt die Zigarette im spät gelieferten Junkfood aus. Zurück an die Arbeit nach der kaputten Zwischenzeit, nichts schwerer als das.

Eine Drehpause drehen und sonst gar nichts: Darauf muss man erst mal kommen. Und das so simpel wie schlüssig: In keinem der anderen Filme fällt die erzählte Zeit so exakt mit der Erzählzeit zusammen. Recht nah dran ist noch Wim Wenders mit „Zwölf Meilen bis Trona“, dem Psychodelo-Trip des einsamen Pilzkeksfutterers, dessen Auto zur großartigen Musik von The Eels durch die amerikanische Wildwestwüste schlingert; anderseits lauert hinter der faszinierenden Fassade des kleinen Films eine Gefallsucht, die man ihm wiederum nicht recht vorwerfen mag. Aki Kaurismäkis „Hunde haben keine Hölle“, der Opener, ist ebenfalls nicht so ganz der Lieblingsfilm – auch wenn mit Markku Peltola und Kati Outinen noch einmal das Kinopaar des Jahres aufspielt. Kaurismäki führt in diesem Kleinodium nur seine Werkzeuge vor, die Musik, die Dramaturgie der Blicke, das Schweigen, aber für eine richtige Geschichte fehlt ihm die Zeit – jedenfalls für eine, die wir nicht nur glauben, sondern auch fühlen sollen.

Bleiben Werner Herzog , Spike Lee und Chen Kaige . Noch dreimal zehn Minuten mit allen Chancen zum anderweitigen Lieblingsfilm. Sage mir, welche Episode du liebst, und ich sage dir... nein, so nun auch wieder nicht. Oder: Gib mir zehn Minuten deines Lebens, und... naja, schon eher. Aber nicht vergessen, vorher die Uhr zu stellen.

Babylon Kreuzberg, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kant (alle OmU)

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