Kultur : Sieben Leben hat die Katze

Mario Vargas Llosas Roman „Das böse Mädchen“

Jan Schulz-Ojala

Zwei Seelen wohnen in Mario Vargas Llosas Schreiberbrust: der Liebhaber politisch-historischer Panoramen und jener der episch ausgemalten erotischen Kabinettstückchen. Mit „Das grüne Haus“ und „Der Krieg am Ende der Welt“ hat der Peruaner seinen Beitrag zur Weltliteratur und zur Reflexion lateinamerikanischer (Macho-)Geschichte geleistet. Und mit „Tante Julia und der Kunstschreiber“ und „Lob der Stiefmutter“ entzückte er jene Leser, die gerne mal durchs Schlüsselloch schauen, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Dieses Jahr ist Vargas Llosa siebzig geworden – ein Weltmann, der sich zwar mehr und mehr auf Biografisches und Essais verlegt, seine Kundschaft jedoch zuverlässig mit umfänglichen Primärwerken versorgt. Im „Fest des Ziegenbocks“ (2001), dem dominikanischen Sittengemälde unter Rafael Trujillo, malte Vargas Llosa das Porträt eines ebenso gewalttätigen wie lüsternen Diktators, musste sich aber neben den rituellen Ehrerbietungen auch Kritik an staubiger Altherren-Erotik gefallen lassen. Soeben ist sein neuer Roman erschienen – und angesichts des Bilderbogens aus vier Jahrzehnten, den der Autor als Prospekt einer amour fou zu entfalten trachtet, erhebt sich erneut der Chor jener, die den Vargas-Llosa-Mix aus höchst unterhaltsamem und nebenbei belehrendem Material, erzählerischem Niveau und sprachlicher Raffinesse preisen. Was aber, wenn der Kaiser nackt ist – nicht gleich der Mann, aber der Schriftsteller?

„Das böse Mädchen“ hat ein gewaltiges Thema: Ein Mann, eigentlich solide und selbstständig, gibt sein Leben an eine lose Frau weg. Immer wieder taucht sie, Hochstaplerin und zynisches Luxusweibchen, in eigenen Lebenskrisen bei ihm auf, um ihn nach sexueller Frischzellenkur – er ist ihr überwiegend oral zu Diensten – fürs nächste halsbrecherische Abenteuer zu verlassen. Er liebt sie, sie weiß es; sie liebt ihn nicht, und er weiß es wie sie. Ein klassischer Fall von Hörigkeit, und ewiges Thema der Literatur. Doch so ernüchternd stereotyp, wie ihm seine Protagonisten geraten sind, so mechanistisch und schludrig erzählt Vargas Llosa beider Schicksal herunter. Und seine typischen Zeitpanoramen? Auch sie bloß Pappkulissen, eilig vollgepinselt.

Der Held, Altersgenosse des Autors mit zudem ähnlicher Biografie, erzählt durchweg chronologisch in der Ich-Perspektive: Eine blasse Echo-Figur ist dieser Ricardo Somocurcio, jemand, der in seiner Jugend aus Peru aufbricht und als Konferenzdolmetscher ordentlich in Europa und anderswo herumkommt. Als seine Lebensliebe (und -lüge) Lily ihn zum ersten Mal ereilt, sind sie beide 15: Das Arme-Leute-Mädchen versucht sich bei den Partyhengsten von Lima interessant zu machen. Insgesamt sieben Leben hat die Katze: Binnen 40 Jahren begegnet sie Ricardo noch als Exilguerillera und als Diplomatengattin (in Paris), als Ehefrau eines Pferdenarrs (in London), als Gespielin eines japanischen Geschäftsmanns (in Tokio), als Schmugglerin (wieder in Paris) und als Todkranke (in Madrid). Er darf sie sogar zeitweise heiraten und dabei sein Vermögen aufs Spiel setzen. Nur, bedeuten tut es nicht viel.

Dafür regiert das Bedeutsame, Zwillingsgeschwister des Oberflächlichen, mit aller Wucht. Ricardo lebt in den wilden Sechzigern in Paris, im Swinging London der Siebziger, dann im postfranquistischen Madrid – doch für seine aufregenden Umgebungen hat er nicht viel mehr als den nivellierenden Blick des Wikipedia-Chronisten. Für Nachrichten aus der despotisch dauerversklavten Heimat sorgt stets ein Onkel Ataúlfo, und jedes Kapitel ist einem Cicerone gewidmet, der alsbald per Exekution (ein Guerillero), Aids (der malende Jugendfreund) oder Selbstmord (der Dolmetscherkollege) ordnungsgemäß entsorgt wird – Schreibfabrikschicksale wie schließlich auch das Anti-Liebespaar selber. Die verblüffenden Dekadensprünge – Aids ist schon 1972 eine Todesursache, Leningrad wird 1982 in St. Petersburg zurückbenannt – sind da fast Nebensache.

Am fadesten aber ist geraten, womit Vargas Llosa bisher noch jeden zu verzaubern vermochte: die Sprache – in „Das böse Mädchen“ funktioniert sie als nur mehr raschelndes Illustrierten-Idiom für das L(i)eschen Müller und den Karlheinz Blättermann in uns. Immer wieder hat jemand „schlaflose Nächte“ oder ist „am Boden zerstört“ – kein Wunder, dass auch die Übersetzung es sich zunehmend bequem macht und „den Kinnladen“ runterklappen lässt, wenn ein Junge „zum Waisen“ wird. Ein allwissendes Ich, das nichts (mehr) mitzuteilen hat: Ist das der neue Vargas Llosa? Aus den Turmhöhen des lateinamerikanischen „Boom“ jedenfalls, an dem er entscheidenden Anteil hatte, hat sich Vargas Llosa geradewegs auf Isabel-Allende-Niveau heruntergeschwafelt. Doch wen stört’s, solange das Wörtergeklingel sich auszahlt?

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