Kultur : Sieben Worte voll Leid und Hoffnung

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Passionsmusiken von Haydn und Gubaidulina im SchauspielhausVON GREGOR SCHMITZ-STEVENSVertonungen der "Sieben letzten Worte Jesu" haben eine lange Tradition.Die gleichnamige Kantate von Heinrich Schütz aus dem Jahre 1625 ist ein vorläufiger Höhepunkt innerhalb des Genres.In der Karwoche 1786 wurden erstmals Joseph Haydns "Sieben letzte Worte unserers Erlösers am Kreuze" aufgeführt, die die "ultima verba" rein instrumental ausdeuten.Haydns Passionsmusik erklang damals in der von Goya ausgemalten Grottenkirche "Santa Cueva" im andalusischen Cßdiz.Dort wurde sie während der liturgischen Zeremonie aufgeführt: als klingende Predigt, als musikalische Meditation über die Worte Jesu und die Ausführungen des Bischofs."Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten", erinnerte sich Haydn später. Um so schwieriger ist es heute, den Hörer bei einer rein konzertanten Wiedergabe zu fesseln.Dem Litauische Kammerorchester unter Leitung von Saulis Sondeckis gelang es bei ihrem Konzert im Schauspielhaus.Mit sattem Streicherklang und intensiven Farben interpretierten die baltischen Musiker Haydns kontemplative Partitur.So wurden die einzelnen Sätze zu tönender Metaphysik, aus der - trotz des langsamen Tempos und der vielen musikalisch-rhetorischen Figuren des Leidens und der Trauer - doch immer der transzendente Schimmer von Hoffnung und Erlösung sprach: "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände." Eben diese Hoffnung vermißte man ein wenig in den "Sieben Worten" für Violoncello, Bajan (eine Sonderform des Akkordeons) und Streicher von Sofia Gubaidulina.Die Zwiegespräche, die David Geringas (Cello) und Geir Draugsvoll (Bajan) vor dem zurückhaltend kommentierenden Orchester hielten, greifen reichlich auf Tradition zurück: Die in Tschistopol geborene Komponistin zitiert die Schütz-Kantate und läßt Kreuzes-Symbole in vielfältiger Form erklingen.Die Musik ist, wie bei Haydn, eine abstrakte, musikalisch-theologische Interpretation in klanglichen Gesten und instrumentalen Metaphern.Aus der Erfahrung unseres zerrissenen Jahrhunderts heraus, scheint bei Gubaidulina Leid, Trauer und Klage im Vordergrund zu stehen.Das "Mich dürstet!" des Schütz-Zitats, die menschliche Anklage "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" sind hier zentral, weniger die für Haydn im Mittelpunkt stehende Hoffnung auf Erlösung durch den Opfertod.Das brachten die Musiker eindringlich zum Ausdruck, und es gab dem Abend eine bedrückende Note.

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