Kultur : Sieg der Sterne

Cannes: Wettbewerbsfilme von Haneke, Cronenberg und Lars von Trier

Jan Schulz-Ojala

Die Huldigungen waren beträchtlich, und die Außerirdischen können zufrieden sein. Nachmittags auf der zum Traumzeugträger umfunktionierten „Queen Mary“, draußen in der Bucht von Cannes, fiel eine junge Frau vor George Lucas fast in Ohnmacht – dabei hatte sie nur die Ehrenpreis-Freundlichkeiten des Festivals übersetzen sollen. Abends, zur Gala-Premiere von „Star Wars: Episode III“, fiedelte sich ein komplettes Sinfonieorchester auf den Stufen des Festivalpalasts die Seele aus den Resonanzböden. Und andernmorgens rief der Chefkritiker von „Libération“ wehmütig – nach knapp 30 Jahren mit Anakin Skywalker alias Darth Vader – nichts Geringeres als das Ende seiner eigenen Jugend aus. Adieu! Adieu, ihr extraterroristisch-postpsychologisch-intergalaktischen Sternenkrieger! Nun hat die Erde uns wieder.

Leider, leider geht es auch auf ihr nicht friedlich zu. Besonders im Kino. Dort schlagen die Irdlinge sich vornehmlich mit Schuld und Sühne herum, und wenn es dicke kommt, lösen sie ihre Seelennöte stammeskriegerisch. Der US-Amerikaner greift grundsätzlich zum Schießeisen aus dem Supermarkt und ballert dem Bösen in den Bauch. Der Hochkultur-Asiate neigt rituell zum Schwert, wahlweise zum Wackerstein. Der Schwellenland-Drittweltler greift zum Messer und erledigt sich oder andere durch blitzschnelles Kehleaufschlitzen. Und der Alteuropäer? Nimmt Schlaftabletten. Nicht 30 (könnte zum Tod führen), auch nicht eine (beseitigt womöglich die Schlaflosigkeit nicht), sondern zwei. Michael Haneke hat mit „Caché“ einen feinen Film über Schuld und die Unfähigkeit zur Sühne gemacht – ginge es nur nach den Kritiker-Traumnoten in den Branchenmagazinen, dürfte ihm die Goldene Palme kaum zu nehmen sein.

Der Regisseur schickt Daniel Auteuil und Juliette Binoche in einen leisen, ja, fast wattierten Thriller, an dessen Ende eine typische Haneke-Lektion steht: Wer immer nach dem whodunit fragt, ist selber schuld. Georges und Anne mögen zwar anonym Videos zugeschickt bekommen, die bald ihre intellektuell-bourgeoise Existenz bedrohen – doch was bedeutet schon die Suche nach dem Absender angesichts der Frage nach der Wahrhaftigkeit ihrer Beziehung? Denn die Video-Bilder, technisch und dramaturgisch virtuos verknüpft mit der Realitätsebene des Films, führen auf die Spur einer frühen Schuld: Georges hat sie nicht nur vor seiner Frau verheimlicht, sondern lebenslang vor sich selbst verdrängt.

Wie er damit unter dem wachsenden Druck der Ereignisse umgeht und welch entfremdende Entfernung eine auf Liebe gegründete Ehe aushält, ist das große Thema von „Caché“. Auteuil spielt das grandios zurückgenommen, und Binoche gibt ihrer ohnehin extrem reduzierten Rolle ein unvergessliches Leuchten. Auch strukturell arbeitet Haneke mit allen Mitteln der Reduktion: Erst verlangsamt er das Tempo gegen alle Thriller-Erwartung, und am Ende steht der Zuschauer mit leeren Händen da.

Ein schwarzer Tag war das für die Lösungsfanatiker unter den Cineasten – wie gut, dass das Festival da gleich David Cronenbergs Sühne-Drama „A History of Violence“ nachschob. Ungewöhnlich unverästelt und unverrätselt erzählt der Kanadier von einem Diner-Besitzer in Indiana, der nach der coolen Abwehr eines Überfalls von der eigenen Vergangenheit eingeholt wird. Denn der nette Provinz-Papa Tom Stall (Viggo Mortensen) ist in Wahrheit der kriminelle Joey aus Minneapolis. Oder: War er’s nur? Das Geheimnis liegt bald offen zutage, und Cronenberg liefert, nach standesgemäßem Blutbad, eine Moral, die auch der National Rifle Association gefallen dürfte: My home is my castle – und wenn ich dafür über die Leichen gehen muss, die ich im Keller habe.

„A History of Violence“ mag nichts weiter als ein verblüffend simples Filmchen sein; Lars von Trier hat sich mit „Manderlay“, mildtätiger ist dieser Film kaum zu deuten, eine Parodie auf „Dogville“ vorgenommen. Der zweite Film seiner in einem schwedischen Lagerhaus produzierten Amerika-Trilogie siedelt 1933 in einer Baumwoll-Plantage in Alabama, in der die Sklaverei auch 70 Jahre nach ihrer Abschaffung fortbesteht.

Die im Rocky-Mountains-Kaff Dogville im Namen des Gutmenschentums noch so geschundene Grace trifft in Manderlay just zu dem Zeitpunkt ein, als die alte Herrin stirbt – und kann, mit seltsam frisch erwecktem Weltverbesserungsbedürfnis, sogleich die Auspeitschung eines schönen Schwarzen verhindern. Schon nimmt sie, gegen den Rat ihres Gangsterboss-Vaters, ihr neuestes Vorhaben in Angriff: die Veredelung der versklavten schwarzen Seelen zu guten Demokraten. Natürlich geht das Projekt schief, das ist Fundamentalpessimist Lars von Trier seinem postidealistischen Publikum schuldig.

Aber wie es schief geht! Mit Bryce Dallas Howard als Grace, dem geradezu peinigend blassen Schatten von Nicole Kidman, die ursprünglich für die Trilogie verpflichtet war und vorletztes Jahr weise das Weite suchte; mit einer fahrig entwickelten Story, die ein allwissender Erzähler immer wieder geschwätzig überdröhnt; mit ein bisschen Sandsturm und ein bisschen Sex, mit lax improvisiert erscheinenden und ebenso disziplin- wie ruhelos abgefilmten Szenen – und irgendwann ist das Ganze auf dem Niveau eines allerdings 139 Minuten langen Sketches angekommen.

„Dogville“ war zumindest ein kaltes, strenges, hochkünstlich theatrales Film-Werk; „Manderlay“ nun, im selben Ambiente, geht da bloß noch als laues Scherzo durch – was wird Episode III bringen? George Lucas, übernehmen Sie!

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