Kultur : Sieg für Strawinsky?

VOLKER STAEBEL

Seit es keine fortschrittliche Entwicklung in der Musik mehr zu geben scheint und eine Vielzahl von Stilen nebeneinander existiert, ohne daß der Dominanz des einen oder anderen mehr als die Bedeutung einer Mode zukäme, sind selbst die Grenzen der verschiedenen, sich eigentlich gegenseitig ausschließenden ästhetischen Grundhaltungen unscharf geworden.Fast ließe sich der Eindruck gewinnen, in dem großen, von Adorno in seiner "Philosophie der neuen Musik" zugespitzten Streit der beiden Antipoden der ersten Jahrhunderthälfte, Schönberg und Strawinsky, habe letzterer den Sieg davongetragen.Denn die meisten aktuellen Werke sind ganz in dessen Sinne Musik über Musik und thematisieren kompositorische Verfahren der jüngeren Musikgeschichte, statt in künstlerischer Originalität ganz für sich zu sein.Die musikalische Postmoderne entpuppt sich als Renaissance des Neoklassizismus.Nur selten kommen die Komponisten über das bloße Ausstellen ihrer Mittel hinaus.

Auf diese Situation reagierte die Berliner Gesellschaft für Neue Musik (BGNM) geschickt, indem sie ihr diesjähriges Festival mit dem Plural "minimalisms" überschrieb.Nicht die Minimal Music schlechthin, sondern die Vielfalt ihrer Spiel- und Rezeptionsarten wird noch bis Sonntag im Podewil ausgelotet.Am 20.Oktober startet im Arsenal eine Filmreihe zum Thema und im November folgt eine Ausstellung in der Akademie der Künste.Faßte man ihren Begriff in der Weise, wie ihn Michael Nyman 1974 eingeführt hat, man sähe die Minimal Music beschränkt auf die frühen repetitiven oder Pattern-Kompositionen ihrer Protagonisten Steve Reich, Philip Glass, Terry Riley, LaMonte Young und Tom Johnson.Folgt man jedoch deren späterer Entwicklung hin zu traditionellen Harmoniewechseln (Reich, Glass) oder neuen Stimmungssystemen (Young), so sind rasch die "Neue Einfachheit" und mikrotonale Drone-Kompositionen erreicht.Deshalb hat Werner Durand nicht nur als kundiger Betreiber einer Soundbar, sondern auch als Composer-Performer an mit Blumentöpfen präparierten PVC-Klarinetten seinen Platz im Programm (heute, 22.00 Uhr): Mittels Digital-Delays wird er einen schwebungsreichen Klangstrom etablieren, eher üppig wuchernd als minimalistisch reduziert.

Die Gegenposition, der materiale Minimalismus, wie ihn die Komponisten der Gruppe Wandelweiser praktizieren, kommt leider zu kurz.Martin Suppers neue Klanginstallation "minimal phasing" mag mit ihren drei Sinustönen, die in unmerklicher Verschiebung sich ändernde Differenztöne erzeugen, in diese Richtung gehen, und auch Stefan Streichs Eintonstück "Dramatische Studie Nr.4, Coda" für Streichtrio (morgen, 19.30 Uhr) zeugt von konsequenter Reduktion.Sonst bedeutet Einfachheit eher kompositorische Selbstbeschränkung wie bei Christian Wolff (der gestern das Festival eröffnete) oder Howard Skempton (Sonntag, 19.30 Uhr).

Dafür gibt es Pattern-Kompositionen der zweiten oder dritten Generation zuhauf: Beth Griffith singt heute (19.30 Uhr) Werke von John McGuire und Morton Feldman und scheut sich nicht, die für Minimal Music nun wirklich untypischen "Three Voices" des Letzteren ins Programm zu nehmen.Morgen bemüht sich das Ensemble Mosaik (19.30 Uhr) vorwiegend um Berliner Komponisten und bringt Werke von Ralf Hoyer und Ernstalbrecht Stiebler zur Uraufführung, ehe am Sonntag Teodoro Anzellotti am Akkordeon (19.30 Uhr, Uraufführung Sebastian Claren) und das legendäre Trio Ugly Culture (22.30 Uhr) das Festival beschließen.

"Quo vadis minimalism?" wird auch hier nicht beantwortet werden.Man darf auf das wissenschaftliche Symposium im November gespannt sein, das hoffentlich für mehr begriffliche Schärfe sorgen wird.Denn die eigentliche Minimal Music war auf eine kurze Periode beschränkt und ist seit zwanzig Jahren passé.Der Rest ist Neo-Minimalism.

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