Kultur : Siegen oder Lernen

Akademie der Künste: Streit um die Gedenkstätte Sachsenhausen

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Ende September wird die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen mit Sondermitteln des Bundes grundlegend neu gestaltet. Die Architektenpläne stoßen bei einigen Häftlingsorganisationen und Ostdeutschen auf Vorbehalte. Wird da ein antifaschistisches Monument aus DDR-Zeiten entsorgt und die bundesdeutsche Deutung der Nazi-Verbrechen installiert? Das war die Ausgangslage einer Diskussion in der Akademie der Künste.

Gedenkstättenleiter Günter Morsch argumentierte, dass die DDR-Anlage den Sieg des Kommunismus über den Faschismus symbolisiere. Sie sei antithetisch gegen den Grundgedanken der Lager-Architekur der SS gebaut. Das ursprüngliche Arrangement des Lagerdreiecks bot dem MG-Posten über dem Eingangstor ein freies Schussfeld. Diese Allsichtigkeit werde von der halbrunden Kreuz-Mauer der Gedenkanlage am Appellplatz durchbrochen. Jetzt will man das historische Lagergelände wieder lesbar machen. Auch die DDR-Gedenkanlage gehöre als historische Schicht zum Lager, aber als Exponat. Sie soll nur abgebaut werden, wo sie den authentischen Ort verdeckt. Entfernt werden soll die Kreuz-Mauer und der schadhafte Betonbaldachin am Krematorium. Erhalten bleiben soll hingegen der zentrale Obelisk.

Ludwig Deiters, Ende der 50er Jahre Architekt in Sachsenhausen, bestreitet den antithetischen Leitgedanken. Maßgeblich seien damals Wünsche der Opfer gewesen: Aus „Respekt vor dem Willen der Häftlinge“ solle die Anlage erhalten bleiben. Zum Lackmus-Test wird deshalb die Frage nach den Gestaltungsabsichten, die mit der „Sichtbarmachung des authentischen Ortes“ verbunden sind. Natürlich, sagt Morsch, bedeuten sie „neue Interpretation, denn die Deutung als Sieg der Antifaschisten über die Faschisten kann heute nicht mehr unsere sein“. Stattdessen soll es ein Lern-Arrangement geben, ausgerichtet auf die Deutungsoffenheit der Relikte. Das klingt gut und wäre dazu angetan, den Argwohn gegen erinnerungspolitischen Grobianismus auszuräumen. Unklar bleibt , warum auch das DDR-Lagermuseum in der alten Küchenbaracke entfernt wird. Mit der historischen Substanz kollidiert es jedenfalls nicht. Gerwin Klinger

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