Kultur : Sieh den Menschen, wie er wirklich ist

ANDREAS HERGETH

DER ÄLTERE HERR DRÜCKT IMMER WIEDER AUF DEN AUSLÖSER . Obwohl fotografieren doch verboten ist. Aber, soviel Risiko muß sein. Wann bekommt man auch sonst so etwas öffentlich zu sehen: Auf den ersten Blick sind da zwei nackte Männer, die knietief im Wasser eines Schwimmbads stehen. Der hintere Mann Kopf hat die eine Hand gen Himmel gereckt. Die linke aber ruht auf der Hüfte des anderen. Das sieht ziemlich wollüstig aus. Das Bild aus dem Zyklus "Ecce Homo" der schwedischen Fotografin Elisabeth Ohlson, derzeit in der Berliner Emmaus-Kirche am Lausitzer Platz zu sehen, ist im wahrsten Sinne des Wortes aufsehenerregend. Stellt es doch die Taufe Jesus dar. Zwei Schwule, Freunde der Künstlerin, haben die Rollen von Jesus und von Johannes dem Täufer übernommen, der zärtlich die Lenden des nackten Jesus umfaßt.

"Jesus Taufe", sagt Elisabeth Ohlson, "war sein Coming-Out als Messias. Da begriff er, welchen Weg sein Leben nehmen würde. Das ist für mich ein Gleichnis für das Coming-Out als Homosexueller - das Begreifen, welchen Weg man beschreiten muß." Der Weg kann steinig sein. Das hat die Fotografin - Lesbe und bekennende Christin - selbst erlebt. Als einer ihrer Freunde Ende der achtziger Jahre an Aids starb, fanden einige Gemeindemitglieder, die Krankheit sei die gerechte Strafe Gottes für ein Leben in Sünde. "Das saß wie ein Stachel in mir", erinnert sich die 38jährige, "ich konnte nicht verstehen, warum nicht der Rest der Kirche aufstand und um Verzeihung bat." So entstand die Idee für "Ecce Homo" - was soviel heißt wie: sieh den Menschen, wie er wirklich ist.

Ohlson, die seit 1980 als Pressefotografin arbeitete sich später der Porträtfotografie zuwandte und unter anderen Königin Silvia porträtierte, wollte ein anderes Bild vom Leben der Homosexuellen zeigen. Es dauerte zwei Jahre, die zwölf Bilder, die das Leben und Leiden Jesu zeigen, aufzunehmen. 135 Lesben und Schwule standen Modell. Als der Zyklus zum ersten Mal gezeigt wurde, löste er in Schweden einen Proteststurm aus. In Uppsala gab es Bombendrohungen. Viele Christen meinten, Ohlson hätte das Bild Christi beschädigt, den Gottessohn sexualisiert, beschmutzt, geschändet.

Beschmutzt? Geschändet? Für Ohlson ist Christus ganz im biblischen Sinne ein Mensch, der sich an die Seite der Niedrigsten und Verfolgten stellt. Und das sind heute auch und immer noch Homosexuelle. Doch auch in Deutschland erregt ihr Bilder-Zyklus Unmut. Schon distanzierte sich die evangelische Landeskirche von der Ausstellung. Es werde dem Anliegen nicht gerecht, "Jesu Wirken ausschließlich in einen homosexuellen Zusammenhang zu stellen", ließ Erzbistum-Sprecher Andreas Herzig verlauten. Und der katholische Theologe Rainer Kampling bezeichnete die Bilder schlicht als "Zumutung". Hat er die Bilder überhaupt gesehen?

Da ist zum Beispiel das an die Verkündigung angelehnte Foto. Zwei Frauen, die eine schwanger, sitzen im Bett, von oben herab schwebt ein himmlischer Bote, ein Reagenzglas in der Hand. Die beiden lesbischen Frauen sind auch im wirklichen Leben ein Paar. Die Schwangere hat sich künstlich befruchten lassen. Christliche Homosexuelle wie Ohlson verlangen nicht nur, daß ihre Orientierung akzeptiert wird (im Sinne von "Privatsache"), sondern ebenso die dazugehörigen Lebensweisen. Mit ihrer Arbeit will sie zeigen, "daß die Liebe Gottes auch den Menschen gilt, die homosexuell leben."

Am deutlichsten zeigt sich dies beim "Abendmahl": Jesus inmitten von Tunten und Transvestiten. Nicht Brot und Wein, sondern Chips und Champagner stehen auf der Tafel. Jesus lud oft Menschen zum Essen ein, die auf der untersten Stufe der Gesellschaft standen. Bei der "Kreuzigung" liegt ein ermordeter Schwuler im Schatten des Gekreuzigten. Die Täter im Outfit von Skinheads im Hintergrund: "Ein gewöhnlicher Erstochener weist meist zwischen drei und sechs Stiche auf", erläutert Ohlson. "Wird ein Homosexueller erstochen, findet man bis zu 60 Messerstiche." Alle kommen in den Himmel, egal ob hetero-, homo-, bi- oder transsexuell - das ist Ohlsons Botschaft. Im Bild "Der Himmel" sind junge und alte Frauen und Männer paarweise vereint. "Hütet euch davor, die einfachen Menschen überheblich zu behandeln" (Matthäus 18,10)."

Emmaus-Kirche, Lausitzer Platz 8a, bis 11. Juli, täglich 15 bis 22 Uhr, Eintritt: 8 / 6 DM. Der Gewinn fließt in die seelsorgerische Betreuung von HIV-Infizierten. Katalog 48 DM

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