Kultur : Signieren mit Farbe

Vom Druckwerk zum Werk: Die Malerin Leni Hoffmann verwandelt eine Ausgabe des Tagesspiegels

Nicola Kuhn

Zeitungen faszinieren seit jeher als künstlerisches Medium. All die Maler und Bildhauer, die grundsätzlich Exklusives und Einmaliges schaffen, gewinnen mithilfe des tausendfach bedruckten Papiers die Möglichkeit, ihr Werk zu multiplizieren und zugleich in der Masse zu anonymisieren. Nirgendwo sonst werden Alltag, Politik, soziales Leben, historische Abläufe an einer einzigen Schnittstelle intellektuell und auch sinnlich erfahrbar. Gerade das macht die Schnittstelle Zeitung für den künstlerischen Zugriff attraktiv. Gleichzeitig lassen Zeitungsleute sich die Nobilitierung ihres schon einen Tag nach Erscheinen veralteten Gebrauchsgegenstands immer wieder gerne gefallen – schließlich wird das Produkt wenigstens auf diese Weise einmal dem Verfallsdatum entzogen.

Gerade für Künstler, die sich gesellschaftlich engagieren, sind Zeitungen als Ausdrucksmittel von hohem Reiz. Mit ihrer Hilfe versuchen sie direkt in das gelebte Leben hineinzuwirken, zu dem die Kunst letztlich immer in einem unüberwindbaren Abstand steht. Unvergessen die Aktion der Amerikanerin Jenny Holzer, die unter die Druckerfarbe einer Tageszeitung das Blut kroatischer und serbischer Frauen mischen ließ und in derselben Ausgabe mit dem Slogan „Da, wo Frauen sterben, bin ich hellwach“ auf die massenhaften Vergewaltigungen im Jugoslawien-Krieg hinwies.

Auch der Tagesspiegel ist immer wieder Objekt künstlerischer Intervention. Der japanische Künstler On Kawara benutzte während seines Berlin-Aufenthalts in den siebziger Jahren die täglichen Ausgaben als Grundlage seiner Datumsbilder. Wie Kawara kam auch der polnische Bildhauer Karol Broniatowski Mitte der Siebziger als Stipendiat des DAAD in die Stadt. Er wollte aus Tagesspiegel-Stapeln die Silhouette eines 19 Meter großen Mannes schaffen, vollendete das Werk aber nie. Für Rüdiger Preisler wurde der Tagesspiegel wiederum zum wichtigsten Arbeitsmaterial, das er seitenweise an Fleischerhaken aufhängte, in Polyester konservierte oder unter Gussbeton begrub.

Keiner dieser Künstler begab sich jedoch in die Interaktion mit dem Tagesspiegel selbst; alle bedienten sich nur des fertigen Produkts. Mit der morgigen Ausgabe wird ein neues Kapitel der Tagesspiegel-„Kunstgeschichte“ aufgeschlagen. Die Düsseldorfer Malerin Leni Hoffmann wird einer vollständigen Auflage ihre künstlerische Signatur einschreiben, indem sie sich an den Ort der materiellen Entstehung, an die Rotation, begibt und direkt dort wirkt. So viel sei verraten: Sie benutzt die vier Grundfarben des Drucks – Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz.

Jeder, der die morgige Ausgabe erwirbt, wird also ein Unikat, ein einmaliges Kunstobjekt, das im Zusammenspiel von Künstlerin und Druckmaschine entsteht, in den Händen halten. Eine faszinierende Vorstellung für die Malerin, die Zeitungsmacher und den Käufer, denn das Ergebnis wird ein Kunstwerk sein, das in der Summe – als gesamte Tagesspiegel-Ausgabe vom 30. Januar – und auch in seinen Einzelteilen funktioniert: den in Berlin und in der ganzen Republik verteilten Exemplaren.

Anlass ist die Verleihung des Gabriele-Münter-Preises an Leni Hoffmann am morgigen Dienstag. Die renommierte Auszeichnung für über 40-jährige Künstlerinnen, die unter anderem vom Familienministerium und dem Bonner Frauenmuseum ausgelobt wird, erinnert an die Mitbegründerin des „Blauen Reiters“, die 1962 in Murnau am Staffelsee starb und deren Werk längst zum Kanon der klassischen Moderne gehört. Der mit 20 000 Euro dotierte Preis soll älteren Künstlerinnen, die sonst bei derlei Anerkennungen übergangen werden, besondere Aufmerksamkeit verleihen.

Ähnlich wie ihre Vorgängerinnen Ulrike Rosenbach, Cornelia Schleime, Rune Mields oder Valie Export kann sich auch Leni Hoffmann über mangelnde Anerkennung eigentlich nicht beklagen. In ihrer Künstlerbiografie führt sie eine lange Liste mit Preisen, Stipendien, Ausstellungen auf. Dennoch bietet die mit einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau verbundene Verleihung eine exzellente Gelegenheit, ihr Werk zu präsentieren. Neben der künstlerisch veredelten Tagesspiegel-Ausgabe, mit der Leni Hoffmann eine Saalwand dekoriert, zeigt sie eine Zinnschüttung auf einer Treppe. Die Künstlerin hat das auf 230 Grad erhitzte, verflüssigte Material als silbrig glänzende Masse über zwei Treppenläufe hinuntergeschüttet. Auf den Stufen bleiben Tropfen, Spritzer, Lachen, in denen sich die Farben des umgebenden Gebäudes spiegeln. Auch hier entsteht das Kunstwerk erst im Zusammenspiel mit der Umgebung. Wieder hat Leni Hoffmann ihre künstlerische Signatur eingeschrieben, aber das Ergebnis steht letztlich außerhalb ihrer Macht. Es wird vom Zufall, vom Blick des Betrachters determiniert.

Und das hat Methode. „Der Betrachter wird zum Mitschöpfer“, erklärt die Professorin der Karlsruher Kunstakademie, die bei dem Farbfeldmaler Georg Karl Pfahler studierte. Bekannt wurde sie für ihre Werke aus Knetmasse, ebenfalls in den kräftigen Farben Grün, Rot, Gelb. Immer wieder hat sie daraus Bodenarbeiten geschaffen, die sich mit jedem Fußtritt des Ausstellungsbesuchers anders darstellen. Im Rahmen ihrer großen Schau vor drei Jahren im Kunstverein Hannover warf sie mit dem Kurator tennisballgroße Knetkugeln auf die Straße, die von Autos plattgefahren wurden. Auch das ist eine Art von Malerei, die sich mit jedem Fahrzeug verändert und am Ende völlig nivelliert.

In Berlin gestaltete die Künstlerin 2001 das riesige Ausstellungsfenster im Haus der Deutschen Wirtschaft ebenfalls aus diesem kindlich-fröhlichen Material. Einzelne Glasscheiben bedeckte sie mit gelber, roter, orangefarbener Knete, andere ließ sie offen. So verwandelte Leni Hoffmann die Fensterfront in ein abstraktes Großgemälde, durch das tags die Sonne schien und das nachts von innen beleuchtet wurde. Mit der morgigen Tagesspiegel-Ausgabe wird es sich ähnlich verhalten; je nach dem, wo und wie der Leser sein Exemplar in der Hand hält, sieht das Kunstwerk anders aus. Und das Schönste: Die Zeitung wird nicht Altpapier, sondern ein Schatz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben