Kultur : Sigrid Wagner aus Berlin

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Ich bin seit 1980 jedes Jahr auf der Berlinale gewesen. Im Schnitt schaue ich mir drei Filme am Tag an, lieber internationale als deutsche.

Ursprünglich komme ich aus Nürnberg, aber in Berlin wohne ich schon lange. In der Schlange stehe ich nicht gerne, das ist eine meiner Schwächen: Warten gefällt mir nicht. Ich hab so meine eigenen kleinen Tricks, um an die Karten zu kommen. Im Prinzip fordere ich einfach das Glück heraus, vordrängeln würde ich mich nie. Manchmal quatsche ich Leute vorne in der Schlange an, ob die mir nicht eine Karte mitbringen können. Oft klappt das. Ab und zu ist es mir auch schon passiert, dass mich jemand plötzlich angesprochen hat, ob ich nicht noch eine Karte brauche. Einfach so.

Berlin hat sich ganz schön verändert, und damit auch die Stimmung auf der Berlinale. Als die Mauer noch stand, hat sich das ganze Leben in der Stadt anders angefühlt, irgendwie intimer. Den Potsdamer Platz habe ich erst angenommen, als ich das erste Mal für die Berlinale dort war, vorher hatte ich keinerlei Beziehung zu den Arkaden. Jetzt bin ich ganz gerne dort, vor allem der chinesische Imbiss im Obergeschoss ist unverzichtbar.

Heute möchte ich unbedingt Karten für einen

tibetischen Film, er heißt „Milarepa“ und erzählt vom Werdegang des berühmten Dichtermönches und Yogi Milarepa im 11. Jahrhundert. Ich muss diese Karten unbedingt kriegen: Mit Tibet verbindet mich sehr viel, ich war schon zwölf Mal dort. Ich arbeite seit ein paar Jahren ehrenamtlich für ein Hilfsprojekt.

Wir fahren ab und zu nach Tibet und unterstützen dort Gesundheitsprojekte, die Berufsbildung oder den

Aufbau der Landwirtschaft. Außerdem haben wir dort zwei Schulen für tibetische Medizin aufgebaut und

vermitteln Patenschaften nach Deutschland. Unterstützt werden wir von mehreren Stiftungen. Jetzt ist vielleicht klar, warum ich für den Film unbedingt Karten bekommen muss und wieder das Glück herausfordere.

Aufgezeichnet von Anne-Dore Krohn

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