Kultur : Silberpfeile

Metropolitan, Wallenstein: die letzte Runde

Christina Tilmann

Schon dunkelt die Nacht, massig steht das Schiller-Denkmal auf dem Gendarmenmarkt, drum herum sammelt sich konspirativ eine Gruppe jener Menschengattung, die wir silver ages nennen, die flackernde Kerze in der Hand. Wallensteins Prolog wird deklamiert, „Wir sind die Alten noch ...“.

Eine Hommage an den Dichter, der Berlin in diesem Sommer ein außergewöhnliches Theaterereignis beschert hat: „Wallenstein“ in der Kindl-Brauerei in Neukölln war ein Triumph, 30 mal 10 Stunden à 1500 Plätze. Ein Triumph für Regisseur Peter Stein, dem man nach seinem „Faust“-Marathon ein solches Großprojekt kaum mehr zugetraut hatte. Ein Triumph auch für den anderen Stein, Wallenstein, und seinen Hauptdarsteller Klaus-Maria Brandauer, der über Gipsverband und Rollstuhl hinweg ein so gänzlich uneitles Charakterbild entwarf. Doch vor allem ein Triumph für jenes Publikum, das 30 mal 10 Stunden à 1500 Plätze den „Wallenstein“ gefeiert hat. Es sind vor allem die Silberhaarigen.

Sie haben auch die Metropolitan-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie mit mehr als 600000 Besuchern zum überwältigenden Erfolg gemacht. Die Event-Kultur, scheint es, hat sich vor allem der reiferen Jahrgänge bemächtigt. Sie animiert Rentner und Senioren sowie Fast-Rentner und Beinahe-Senioren zu physischen Höchstleistungen, die der These vom verzögerten Altern neue Nahrung geben. Es war, jenseits der Aufregung um Documenta und Kunstmessen, vor allem ihr Sommer.

Ja, die Bildungsbürger. Sie haben ihren Schiller noch parat, und den Golo Mann dazu, haben schon im Vorhinein deklamiert, lesen im Stück mit und setzen die Diskussion in der Hotelbar fort, bis die Vorräte leer getrunken sind und die letzte Schiller-Kerze verloschen ist. Dass über Regiezugriff und Texttreue überhaupt so erbittert gestritten wurde, hat auch damit zu tun, dass sich hier eine Generation ihrer Werte beraubt sieht, von Jüngeren, an Erfahrung gewiss Ärmeren, gegen die sie erbittert Fehde führen, in Leserbriefen und Protesten. Statt sie als Ewiggestrige abzutun, sollte man sie feiern und rühmen, ob ihrer Neugier und Großzügigkeit, ihrer Liebe zur Kunst. Denn auch wenn am Sonntag in den großen deutschen Museen erstmals der „Tag der Schenkung“ begangen wird, sind zumeist sie die Schenker und Mäzene.

Das wird es so nicht wieder geben: eine Generation, die nach harter Arbeit nun die Früchte einfährt, jung genug, um das Leben zu genießen, wach genug, um noch alles mitzunehmen, wohlhabend genug, um sich das Vergnügen auch leisten zu können. Dass Medien, Fernsehen, Kinos, Kulturinstitutionen sie als Zielgruppe missachten: ein arger Fehler. Wer danach kommt, wird Zeit und Ruhe nicht mehr haben, wenn die Rente einst mit 67 kommt und auch dann keine Sicherheit mehr verheißt. Von Bildung, Wohlstand und bürgerschaftlichem Engagement ganz zu schweigen. Sie werden uns fehlen, die Kulturrentner von heute. Eine Kerze auf Schiller. Und ein Ständchen für die Silberpfeile. Christina Tilmann

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