Kultur : Silbertöne für Menuhin

JÖRG KÖNIGSDORF

Nur wenige knappe Sätze der Erinnerung, ein Moment des stillen gemeinsamen Gedenkens, und dann vor allem Musik - ein Gedenkkonzert für einen Menschen wie Yehudi Menuhin hätte nicht anders ausfallen dürfen.Denn nichts wäre so falsch gewesen wie gedrechselte Elogen für einen, der vor allem die Musik als Vermittlerin seiner humanistischen Überzeugungen verstanden wissen wollte.So beläßt es Daniel Barenboim bei einer kurzen persönlichen Ansprache, die dennoch sofort auf das zu sprechen kommt, was Menuhin vor allen Nur-Musikern auszeichnete: Daß hier einer versuchte, mit dem gleichen idealistischen Geist nicht nur als Musiker zu spielen, sondern auch als Mensch zu handeln.Auch nach dem Sechs-Tage-Krieg sei es Menuhin sofort bewußt gewesen, daß nun sofort Versöhnungsarbeit einsetzen müsse, daß das siegreiche Israel den Palästinensern die Hand zum Frieden ausstrecken müsse.So wie er es in seiner legendären Versöhnungsgeste im Oktober 1947 getan hatte, als er mit der Staatskapelle unter Wihelm Furtwängler Beethovens Violinkonzert spielte - und damit den Menschen im zerstörten Berlin den Glauben an die klassischen humanistischen Ideale wiedergeben konnte.

Kein anderes Werk hätte beim Gedenkkonzert der Staatskapelle in der Philharmonie auch auf dem Programm stehen können als das Beethoven-Konzert.Auch wenn sich die Sehnsucht, mit der das Werk vermutlich damals aufgesogen wurde, der Musikhunger der Menschen in der zerstörten Stadt heute nur noch erahnen lassen.Auch wenn das Bewegende, das den Menschen und Geiger Menuhin ausgemacht hat, sich durch keine Interpretation wiederholen läßt.Dabei spielt Maxim Vengerov das Werk schön, mit seinem edlen Silberton kostet er feinste pianissimo-Verästelungen aus, haucht Triller geradezu hin, ziseliert Figurationen und Melodiebögen, daß einem schier der Atem fortbleibt.

Eine Interpretation, die sich ganz aus der romantischen Virtuosentradition herleitet: Das Orchester bietet da wenig mehr als den großen Rahmen für die Brillanz des Solisten, der musikalische Dialog etwa mit den Holzbläsern interessiert da ebensowenig wie die bedrohliche Insistenz des Paukenmotivs im Kopfsatz, das hier nur diskret abgedämpft erscheint.Vengerov spielt selbstkomponierte Kadenzen: In diesen dramatisch aufgeladenen Momenten, wo alle Orchesterinstrumente schweigen, zeigt er, daß er technisch noch mehr kann, legt eine Schwierigkeit über die andere.Das beeindruckt, statt zu ergreifen und ruft so mehr das Wunderkind Menuhin, den aufsteigenden Starsolisten der Zwischenkriegszeit in Erinnerung als den späteren, durch die Zeit herangereiften Musiker.

Beethovens fünfte Sinfonie nach der Pause mag man als Hommage an den Dirigenten Menuhin verstehen, der sch auch bei sinfonischem Repertoire ganz auf die großen Klassiker konzentrierte.Oft haben Barenboim und seine Staatskapelle das Werk auf ihren Tourneen gespielt: Ihr Beethoven ist vor allem Klangereignis, lebt aus jenem weichen, warmen traditionell deutschen Orchestersound, der inzwischen fast ausgestorben ist.Schon das "Schicksals-Motiv" des Kopfsatzes kündigt an, daß es hier mehr um das Entfalten orchestraler Wucht als um voranstürmenden Brio-Geist geht.Statt mit motivischer Detailarbeit kleinteilig Spannung aufzubauen, setzt diese "Fünfte" ganz auf den großen sinfonischen Atem.Das vertraut ganz auf die ungebrochene Überzeugungskraft von Beethovens Musik - und was hätte mehr im Geiste Menuhins sein können?

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