Kultur : Silbriger Dunst des Jenseits

Das Musikfest Berlin beginnt mit Konzerten unter Christoph Eschenbach und Marek Janowski

Martin Wilkening

Es ist ein eigenartiges Programm, mit dem Christoph Eschenbach und das Philadelphia Orchestra das Eröffnungskonzert des Musikfestes in der Philharmonie bestreiten. Es wirkt so, als habe die Kunst der feinen Nuancen, die in Matthias Pintschers Hérodiade-Fragmenten herrscht, die Dramaturgie für den ganzen Abend vorgegeben. Nicht in Buntheit und Kontrast, sondern als entwickelnde Variation gewinnt dieses Konzert mit Pintschers Gesangsszene und Mahlers Lied von der Erde seine Form. Zwei Werke für Gesang und Orchester, zwei Abschiedsszenen, voll von Todesahnungen, die gegen die Schönheit der Welt stehen, für deren Klangsymbolik sich Pintscher das mahlersche Zeichenrepertoire neu verfügbar macht. Die Harfe als Todesglocke oder der silbrige Dunst des Jenseits, der hier aus Celesta-Klängen, dort aus Cymbeln und Flageoletts emporsteigt, sind zwei parallele Klanggesten, die ein ganzes Jahrhundert der Musikgeschichte von 1908 bis 1999 zusammenschließen.

Mit Mahler und Pintscher sind zwei Arbeitsschwerpunkte Eschenbachs markiert, der seinen Amtsantritt beim Philadelphia Orchestra 2003 mit einem Mahler-Zyklus verband und sich zugleich für das Werk des 1971 geborenen Pintscher einsetzt. Eschenbach hat auch Pintschers Hérodiade-Fragmente (nach Mallarmé) in der letzten Saison in New York aufgeführt und aus dieser Produktion die amerikanische Sopranistin Marisol Montalvo mitgebracht, die den Part der unberührbaren Königin sang, in Kontrast zur geschliffenen Gestaltung des Orchesterparts. Montalvo erfüllt die technischen Anforderungen der Partitur mit Leben, in der mühelos und leicht ansprechenden Höhe, mit ausdrucksstarker Tiefe, in der fast eine fremde Instanz aus der Hysterikerin zu sprechen scheint, und mit feinem und stets beherrschtem Vibrato, dessen Schattierungen den Kontakt zu den Instrumentalstimmen sichern, in denen sich die Stimme und damit der Gesangskörper wie in vielfachen Spiegeln bricht und fortspinnt.

Pintscher ist ein großer Klangerfinder, und so besitzt auch dieses Stück eine unverwechselbare Physiognomie, wirkt stark in der Erinnerung, etwa mit dem wie zersplitternden Anfang, aus dem die Stimme mit schauriger Präsenz hervordrängt, oder dem Ersterben der Musik in der Mitte, wo sich eine tiefe Dissonanz der Klarinetten bis ins Unhörbare hinein verliert und in chimärischen Jenseits-Klängen wieder aufsteigt. Was die Musiker des Philadelphia Orchestra an klanglicher Transparenz vermittelten, wirkte bedrückend schön. Wichtig aber war diese Aufführung, weil sie die Wiederbegegnung mit einem vor sieben Jahren in Berlin (mit den Philharmonikern und Christine Schäfer unter Claudio Abbado) uraufgeführten Werk ermöglichte. Wiederaufführungen kommen oft schwieriger zustande als prestigeträchtige Uraufführungen. Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ die hochkonzentrierte Interpretation von Mahlers Lied von der Erde. Während Nikolai Shukoff den Ton verzweifelter Lustigkeit traf, steuerte Mihoko Fujimura artikulationsschwach nicht mehr als eine edle Stimme bei, die auch in Eschenbachs erzwungener Langsamkeit des Abschieds noch vollendete Noblesse verströmte.

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Mendelssohns Violinkonzert – das ist romantisches Märchen in klassischer Form. Die Solovioline begrüßt die guten Geister des „Sommernachtstraums“. Wir betreten mit Felix Mendelssohn Bartholdy das Elfenreich Oberons. Wer solche Vorstellungen mit dem Finalsatz des Werkes verbindet, der sucht sie in der Interpretation von Leonidas Kavakos vergeblich.

Als Solist des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin zeigt der griechische Wundergeiger seltsamerweise gerade mit diesem Stück, dass es ihm vordringlich um sein Virtuosengold geht. Eine Überraschung, denn in der vergangenen Saison hat sich der Hochbegabte bei den Berliner Philharmonikern mit dem Konzert von Johannes Brahms als faszinierender Ausdrucksmusiker vorgestellt.

An diesem zweiten Abend des Musikfestes in der Philharmonie liegt es ihm deutlich ferner, auf das Orchester einzugehen. Er spielt als Überflieger, vielleicht weil er über technische Schwierigkeiten erhaben ist. Dieser Mendelssohn aber, der dem alten Goethe „Haydn, Mozart und Gluck zum Leben gebracht“ hat, will nicht im Sturm erobert sein. Eine gewisse Andacht indes entsteht der Interpretation im Andante, wenn Kavakos seinen königlich-kantablen Ton entfalten kann. Nun wird gemeldet, dass er ab 2007 als Nachfolger von Sir Roger Norrington die künstlerische Leitung des Orchesters der Camerata Salzburg übernehmen wird, wo er 1996 sein Solisten-Debüt gegeben hat. Man darf gespannt sein auf den Griechen in der Mozartstadt.

Unter den Berliner Chefdirigenten ist Marek Janowski der ruhende Pol. Sein RSB bewahrt unter ihm seinen romantischen Klang. Dazu Klarheit in den „Métaboles“ von dem wohlgefällig fabulierenden Henri Dutilleux, Vitalität ohne Pathos. In der vierten Sinfonie Robert Schumanns kommt es nach beschwerter Romanze zu energischem Finale. Sybill Mahlke

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