Silvester : Rausch und Kater

Der Rausch vor dem eigentlichen Rausch ist immer der schönere. Gerrit Bartels über das Trinken zwischen den Jahren.

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Perfekt ist, was der Kollege S. und sein Schriftstellerfreund M. am frühen Vormittag des Heiligen Abend (9 Uhr!) gemacht haben: Sie sind in Frankfurt in ihre liebste Apfelweinkneipe gegangen, haben Rippchen zum Frühstück gegessen, ein paar Apfelwein und auch den einen oder anderen Schnaps zum Rippchenspülen getrunken.

Perfekt erscheint das deshalb, weil das Schönste an den Festtagen sowieso immer die Vorfreude ist. Weil zum Beispiel das Diskutieren darüber, was man Silvester machen soll, das Hin- und Herwägen, das Sortieren der Möglichkeiten, immer schöner ist als die Silvesterparty, auf der man schlussendlich landet – ja, und weil der Rausch vor dem eigentlichen Rausch immer der schönere, intensivere und insbesondere spontanere ist, zu Heiligabend und gerade in der Silvesternacht, in der viele sich so unschön ritualisiert und völlig sinnlos betrinken. Die Biere und Weine am Mittag oder frühen Nachmittag schmecken am besten, wirken am besten, keiner schaut einen scheel an (was, um diese Uhrzeit schon?). Und um einen herum in den Bars oder Cafés gibt es ein Sirren und Flirren, eine Spannung und Anspannung vor dem großen Ereignis.

Die Stimmung gerade in diesen Stunden gleicht überhaupt der Stimmung zwischen den Jahren, da man das alte Jahr schon verabschiedet hat und sich noch nicht im neuen befindet, da man sich lustvoll wie in einem Niemandsland bewegt. Das Zeiterleben ist ein anderes und nichts liegt näher, als mit ein paar geistigen oder wahlweise höchst stumpfen Getränken noch ein bisschen mehr an der Zeitschraube zu drehen. Auf einmal hat man sich erregt verplaudert und stellt überrascht fest: Wie schnell ist die Zeit bei den paar Bieren doch vorbeigegangen! Und dann ist es eh egal, wann man nach Hause oder zu seiner Party kommt, dann lässt man es laufen.

Doch ob es sich nun um den Rausch vor dem Rausch oder den eigentlichen, den Rausch mit Ansage handelt: Der Kater danach fühlt sich physisch immer gleich an. Er ist natürlich leichter zu ertragen, wenn der Abend gelungen war, die Gespräche gut und die Familie oder die Freunde einem wieder mal, befeuert durch den Alkohol, als die allerbesten erschienen waren. Richtig interessant aber wird es, wenn der Katerkopfschmerz weg und das Fazit des vorherigen Abends gezogen ist und der Rest des Tages über herumgebracht werden muss.

Auch dieser Zustand gleicht dem zwischen den Jahren, auch hier befindet man sich in einem Niemandsland. Man fühlt sich angenehm gleichgültig, dezent euphorisiert, alles scheint möglich zu sein. Unklar ist, ob die Zeit sich dehnt oder ob man nicht doch viel zu schnell wieder ins Bett fällt und traumlos den Schlaf nachholt, den man der durchzechten Nacht schuldet. Anderntags, am Tag zwei nach dem Rausch, scheint alles wieder gut zu sein – und doch ist die Stimmung leicht gedrückt, fühlt es sich komisch an, wieder im nüchternen Alltagsmodus zu sein. So dauert es dann auch im neuen Jahr immer zwei, drei Tage, bis man endgültig angekommen ist.

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