Kultur : Simbabwe: Keine Wahl

Wolfgang Drechsler

Auf der Bühne geht es hoch her. Robert Mugabe haben Hitze, Zorn und Erbitterung die Röte ins Gesicht getrieben. Immer wieder schlägt die Faust des simbabwischen Staatschefs auf den wackligen Holztisch und die dicke Hornbrille wippt dazu im Takt. "Ich sage euch Genossen", erhebt der 78-jährige warnend seine Stimme, "Simbabwe ist ein starkes Land, das von den weißen Imperialisten sabotiert wird - und von keinem mehr als Tony Blair und seinem Schwulenkabinett." Man muss es den herangekarrten Schülern und Kleinbauern nachsehen, wenn sie glauben, der britische Premier stände zur Wahl gegen Mugabe, so häufig fällt an diesem Morgen sein Name. Wenn Mugabe in diesen Tagen zu seinem Wahlvolk spricht, lässt er mit Vorliebe alte Gegner wieder auferstehen: "Niemand in Simbabwe müsste heute hungern, wenn die weißen Farmer nicht ihr Getreide horten würden, um mich zu stürzen", ereifert er sich. Und woher kommen die vielen Oppositionsanhänger? "Alles Schurken und Mörder, die von den Briten finanziert werden - mit dem Ziel, Simbabwe zu rekolonisieren." Während für Kritik am Präsidenten eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren droht, beschimpft Mugabe seine Gegner unflätig als "reudige Hunde, die nach der Pfeife der alten Kolonialherren tanzen".

Ein eigenes Programm hat er nicht zu bieten. So fixiert ist Mugabe auf den weißen Feind und die Vergangenheit, dass er den Blick für die Realität verloren hat. "Eine Art von Verfolgungswahn", diagnostiziert Martin Meredith, der sich seit über 40 Jahren mit dem südlichen Afrika befasst und gerade eine Biografie über Mugabe geschrieben hat. "Es ist wichtig, bei Mugabe genau hinzuhören", sagt der Autor. "Denn im Gegensatz zu anderen Politikern hat er seine Absichten stets offen gelegt." Umso beunruhigender mutet es an, wenn Mugabe den Wahlkampf nun als einen "Krieg" beschreibt, den es unter allen Umständen zu gewinnen gilt. Und wenn er verspricht, die Opposition "nie, aber auch nie an die Macht zu lassen". Denn damit redet er dem Bürgerkrieg das Wort.

Seine letzte Schlacht

An diesem Wochenende wird in Simbabwe zum fünften Mal seit 1980 ein neuer Präsident gewählt. Bislang hat dieser stets Mugabe geheißen. Doch nun hat der ehemalige Führer des Befreiungskampfes erstmals echte Konkurrenz: den Ex-Gewerkschaftler Morgan Tsvangirai. Glaubt man den Umfragen, war Mugabes Macht noch nie so gefährdet wie bei dieser Wahl. Genau dies macht Mugabe nur noch aggressiver. Der Präsident schlägt seine letzte Schlacht - und sie droht die frühere Kornkammer Afrikas endgültig in den Abgrund zu reißen. Wie die meisten nachkolonialen Herrscher des Kontinents regiert auch er inzwischen halb als Gott, halb als Häuptling. Jeder ist ihm untertan, das eigene Land zum privaten Lehen umfunktioniert. In jedem Laden, in jeder Amtsstube, in jedem Hotel hängt sein Porträt. Und in den gleichgeschalteten Medien kommt Mugabe stets an erster Stelle. "Vor zwei Jahren", sagt der Anwalt Isac Maposa bitter, "befanden sich die Demokratie und Wirtschaft unseres Landes auf der Intensivstation. Heute liegen beide im Leichenschauhaus. Und unsere afrikanischen Brüder schauen tatenlos zu."

Ist Mugabe also ein Wahnsinniger? "Mugabe ist nicht verrückt. Er hat in allem, was er tut, eine brutale Logik", ist Meredith überzeugt. "Er zerstört wissentlich die Wirtschaft, die Presse, die Opposition und die Gerichte, vor allem aber die Lebensgrundlage Simbabwes: seine Landwirtschaft. Nicht der Mann ist verrückt, sondern seine Politik. Mugabe selbst handelt nur konsequent."

In der Tat zieht sich die Gewalt wie ein roter Faden durch das Leben des Missionsschülers, der sechs Universitätsgrade absolvierte und als hochintelligent gilt. Der bekannte britische Diplomat Robin Renwick nennt Mugabe ganz offen einen Terroristen. "Wie Robesspierre und Stalin" sagt Renwick, "verbreitet Mugabe Schrecken, um politisch davon zu profitieren." Geteilt wird diese Einschätzung von dem Menschenrechtsanwalt David Coltart. Der 44-Jährige gehört zu der wachsenden Zahl Simbabwer, die den Mut besitzen, Präsident Mugabe öffentlich die Stirn zu bieten. Coltart war auch die treibende Kraft hinter einem Bericht, der vor einigen Jahren minutiös darlegte, mit welcher Brutalität Mugabes Armee schon 1983 gegen die interne schwarze Opposition vorging. Über 20 000 Menschen wurden massakriert und in offene Minenschächte geworfen. Der Report wurde just zu einem Zeitpunkt publik, als Mugabes Clan wieder einmal zum Weihnachtsbummel bei Harrods in London weilte und Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet gerade festgenommen wurde. "Wenn Pinochet, warum nicht Mugabe", fragte schon damals die britische Presse.

Coltart würde dem Präsidenten wie die Mehrheit der Simbabwer nicht nachweinen. "Mugabe ist zu einem klassischen Diktator und Kleptokraten geworden wie einst Mobutu in Zaire", meint er. Und immer häufiger steht seine Familie im Zentrum der Korruption. Coltarts Liste ist lang: Bei der Vergabe des Auftrags für den Flughafen von Harare erhielt eine Firma den Zuschlag, die eines der teuersten Angebote eingereicht hatte. Ihr Eigentümer ist der Neffe Mugabes. Der Fonds zur Entschädigung von Opfern des Befreiungskampfes wurde von einem Mann geplündert, der außer etwas Gicht im großen Zeh keine erkennbaren Verletzungen davontrug. Er ist der Schwager Mugabes. Mit den Geldern eines Fonds, der kleine Beamte zu Hauseigentümern machen sollte, baute sich eine junge Dame einen Palast in Harare, den der Volksmund "Graceland" getauft hat. Es handelt sich um Grace Mugabe, die First Lady und Ex-Sekretärin, die der alternde Mugabe vor wenigen Jahren nach dem Tod seiner Frau Sally ehelichte.

Dennoch gibt sich Coltart hoffnungsvoll. "Soviele Stimmen wie Mugabe zu einem Wahlsieg braucht, kann er gar nicht stehlen." Oder doch? Wegen der befürchteten Manipulation könnte es vielleicht enger als erwartet werden. Und was bei einem knappen Ergebnis geschehen wird, lässt sich schwer ausmalen. Mugabes Militärs haben bereits wissen lassen, keinem loyal zu sein, der - wie Tsvangirai - nicht als Guerillero am Befreiungskampf beteiligt war. Im Gegenzug hat die Opposition Proteste für den Fall angekündigt, dass sie um ihren Sieg betrogen wird. "Es sieht nicht danach aus, dass der Wahlkampf an der Urne entschieden wird", sagt ein Diplomat. "Die wirklich heiße Phase dürfte erst nach den Wahlen kommen."

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