Simon Rattles Philharmoniker : Zeichen des Terrors

Der Klang der Zeit: Simon Rattle dirigiert Thomas Adès, Mozart und Strawinskys „Sacre du printemps“ - das hat mehr mit der nahenden Apokalypse als mit Frühling zu tun.

Spiel’s noch einmal, Simon. Rattle blickt zurück – er geht 2018.
Spiel’s noch einmal, Simon. Rattle blickt zurück – er geht 2018.Foto: Stefan Rabold/BPhil

Es klingt schon ein wenig nach Abschied. Simon Rattle bleibt Berlin als Philharmoniker-Chef zwar noch bis 2018 erhalten, aber in der nächsten Saison wird er parallel bereits sein neues Amt als Chef des London Symphony Orchestra bestreiten. Also fängt er an, auf seine Berliner Zeit zurückzublicken, wagt erste musikalische Resümees. Am Dienstag in der Philharmonie nimmt er sich jedenfalls nicht nur erneut Strawinskys „Sacre du Printemps“ vor, mit dem er einst das supererfolgreiche Education-Programm der Philharmoniker startete, sondern dirigiert auch seinen Landsmann und Freund Thomas Adès. Den hat Rattle seit seinem Antrittskonzert im September 2002 den Berlinern immer wieder ans Herz gelegt.

Damals war es das symphonische Poem „Asyla“, nun ist es Adès’ „Powder Her Face Suite“, die auf dessen populärer, boulevardesker Kammeroper von 1995 basiert und um zwei Tanzsätze ergänzt wurde, im Auftrag der Berliner. Eine echte Uraufführung also. Die Suite peitscht als wildes, frivoles Stück durch den Saal, ein ironisches Pasticcio, very british natürlich. Ein Verdienst von Rattles Amtszeit: Die gemäßigten Neutöner, unterhaltsam, dennoch anspruchsvoll und vor allem ungemein sinnlich, hat er in Berlin salonfähig gemacht.

Ein Zerrbild der Moderne

Im Zentrum der Oper steht der ausschweifende Lebenswandel der Herzogin von Argyll alias Margaret Whigham, einschließlich Sexszenen, Scheidungsprozess und sozialem Absturz – eine wahre Geschichte. Die wilde Mischung macht den Philharmonikern sichtlich Spaß, vom Hornisten Eric Terwilliger über Andreas Ottensamers Klarinette bis zum Konzertmeister Daishin Kashimoto. Sie können auch den Groove, den Swing, den Schmelz, den Kitsch, den Soundtrack der 30er und 50er Jahre. Adès mischt Bigband und Broadway, Jazzclub, Musical, Hollywood, Gershwin, Strawinsky und flackernde Großstadt-Kakophonie. Die Musik selbst räkelt sich auf dem Lotterbett, bis die Kriechströme des Schuldbewusstseins überhandnehmen. Ein Zerrbild der Moderne, mit splitternder Motivik und schräg gegeneinanderverrückten Phrasen, bei dem man allerdings nicht immer weiß, ob es sich bei der vertrackten Rhythmik um eng getaktete Synkopen handelt oder um klappernd verrutschte Einsätze. Der letzte Schliff bei Adès fehlt.

Nicht so bei „Sacre“ zum Abschluss des Abends – nach Mozarts unbekümmert klangseligem C-Dur-Klavierkonzert op. 503, von der britischen Pianistin Imogen Cooper (auch sie gehört zu Rattles Freundeskreis) und dem Orchester etwas zu gefällig dargeboten, und nach dem Strawinsky-Frühwerk „Chant funèbre“. Die erst kürzlich wiederentdeckte, effektvoll Trauerflore windende Totenklage gilt dessen Lehrer Rimsky-Korsakow – und klingt weniger nach dem Schüler als nach den älteren Russen. Was alles schnell vergessen ist, kaum dass Stefan Schweigerts Fagott zu Strawinskys Frühlingsreigen ruft.

Jede Synkope hat die Schärfe eines Fallbeils

Wie bei Adès schwingt zunächst Ironie mit, wenn Schweigert den Naturlaut sehr fein, aber doch unüberhörbar zur Groteske verzerrt. Aber Rattle und den Philharmonikern ist bald nicht mehr nach Spielen zumute, aller Brillanz der Klangfarbenspiele zum Trotz, die schon bei Adès betörten. Dieser „Sacre“ hat weniger mit Frühling zu tun als mit dem Schrecken einer alles zermalmenden Apokalypse, dem Terror der Gegenwart. Vielleicht ist das der Unterschied zu damals, 2003, als „Sacre“ unter Rattle in „Rhythm Is It!“ erklang, für die Tänze der 250 Education-Kids: dass der Terror größer geworden ist, die Angst, das Unbezwingbare unserer Zeit.

Jetzt hat jede Synkope die Schärfe eines Fallbeils. Rattles Philharmoniker jagen die martialischen Tuttischläge bis über die Schmerzgrenze, ebenso die Lautstärke. Zudem experimentieren sie mit einem flächigen, schwergewichtigen Sound bei den Fortissimo-Stellen, um die letzten zaghaften Einwände umgekehrt ins extrem Leise zu treiben, etwa die der gedämpften Trompeten zu Beginn von Teil 2. Der Klang der Zeit, denkt man. Und hofft, dass man sich irrt.

wieder an diesem Freitag, 2. 6., 20 Uhr, und Samstag, 3.6., 19 Uhr. Restkarten

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