Kultur : Simone de Beauvoir und ihre transatlantische Leidenschaft Nelson Algren

Nicole Henneberg

Sie schrieb sich die Finger wund, besessen von dem Gedanken, dass ihr geliebter Chicago-Junge alles von ihr wissen müsse. So weihte Simone de Beauvoir Nelson Algren getreulich in alle "Familiengeschichten" ein, selbst dann, als es ihn vielleicht schon gar nicht mehr interessierte. Sie erzählte ihm witzige und vor allem erotische Begebenheiten, denn sie hielt ihren Provinz-Jungen wohl für etwas hausbacken.

Es war Liebe auf den ersten Blick: Während ihrer ersten Vortragsreise durch die USA lernte die damals 39-jährige Intellektuelle, die in Paris gerade an der Seite von Jean-Paul Sartre bekannt zu werden begann, in Chicago den ein Jahr jüngeren, amerikanischen Schriftsteller kennen. Eine gemeinsame Bekannte hatte ihn als Stadt-Führer empfohlen. In den folgenden vier Jahren kehrte Simone de Beauvoir jeden Sommer für einige Wochen nach Chicago zurück, um mit Algren Liebes- und Arbeitsferien am Michigan-See zu verbringen. Einmal nur, trotz wiederholter Bitten, besuchte Algren sie 1949 in Paris; Frankreich interessierte ihn nicht. Doch dieses Jahr war für beide privat wie beruflich besonders ergiebig. Algrens einziger wirklich erfolgreicher Roman "The Man with the Golden Arm" erschien, für den er den Pulitzer-Preis erhielt - und Simone de Beauvoirs große weibliche Kulturgeschichte "Le deuxieme sexe". Doch schon zwei Jahre später starb diese Liebe mit einer Plötzlichkeit, die Simone de Beauvoir schockte und sie Sartre um Rat fragen ließ. Nicht sehr überzeugend versuchte sie in den folgenden Jahren, sich bei Algren als beste Freundin in Erinnerung zu halten, was sie immerhin 13 Jahre betrieb.

Schon in den ersten Briefen wird deutlich, dass hier ein resoluter und analytischer Intellekt am Werk ist. Schon während der Rückreise im Flugzeug, steckt Simone de Beauvoir den Rahmen der Liebesbeziehung ab, mit Hinweis auf Sartres Film Les jeux sont faits. "Mein einzig Geliebter, wir lieben einander durch Erinnerungen und Hoffnungen hindurch, über die Entfernung hinweg und durch Briefe: wird es uns gelingen, aus dieser Liebe eine glückliche, menschliche Liebe zu machen? Es muss uns gelingen. Nelson, ich liebe Sie. Aber verdiene ich ihre Liebe, wenn ich Ihnen nicht mein Leben gebe? Ist es richtig, etwas von sich hinzugeben, wenn man nicht bereit ist, alles zu geben? O Liebling, es ist die Hölle, so weit weg zu sein und sich nicht ansehen zu können, wenn man über so wichtige Dinge spricht."

Das Kernproblem ihrer Beziehung ist hier benannt, und es hätte Algren klar sein sollen, dass er sich auf eine aussichtslose Geschichte einließ; aber seine späteren heftigen Reaktionen zeigen, dass er in diesem Moment bedingungslos verliebt war. Leider durften seine Briefe, wie die langjährige Freundin und Adoptivtochter Sylvie le Bon de Beauvoir in ihrem Vorwort mitteilt, nicht veröffentlicht werden. Sie müssen witzig und charmant gewesen sein, voll von skurrilem Humor, wie sich aus den Reaktionen seiner Briefpartnerin schließen lässt; es wäre hier ein anderer als der angeblich schwierige Algren sichtbar geworden.

Aber auch so geben diese 304 Briefe ein intimes Bild der berühmten Autorin in diesen Jahren. Als Femme de Lettres genoss sie es gleichermaßen, ein starkes Gefühl auszukosten wie es zu beschreiben. So schilderte sie Algren detailliert ihre Schreibsituation, ihre körperliche Sehnsucht, ihre Phantasien und Erinnerungen, und gleichzeitig schrieb sie Sartre, welche Rolle dieses Gefühl in ihrem gemeinsamen Leben spielte. Diese doppelt reflektierte Selbstbeobachtung passte natürlich sehr gut zu ihrer Arbeit an "Le deuxieme sexe" in diesen Jahren.

Doch alle analytischen Anstrengungen vermochten nichts gegen ihre ständige Angst, sich selbst zu verlieren. Schon während der ersten Begegnung in Chicago zieht Algren sie körperlich so stark an, dass sie glaubt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. In fast jedem Brief erzählt sie ihrem Geliebten in gekünstelt amüsiertem Ton von Flugzeugabstürzen und Schiffskatastrophen; und prompt ertrinkt sie im Krisensommer 1951 beinahe im Michigansee, weil Algren ihr Winken mißversteht.

Diese Episode schildert Simone de Beauvoir im zweiten Band ihrer Memoiren, "La force des Choses", der 1963 erscheint, und dessen Darstellung ihrer Liaison als erotisches Extra eines ansonsten strikt zweckgebundenen Alltagslebens Algren so erbitterte, dass er den Kontakt endgültig abbrach. Aber man wäre ungerecht, wenn man den Preis nicht sähe, den sie die Liebe zu Algren kostete, der während seines Paris-Besuches den edlen Bordeaux immer mit Cola mischte: "Heute früh sah ich vom vielen Weinen so scheußlich aus, dass Camus, den ich auf der Straße traf, mich fragte, ob ich schwanger sei!", schreibt sie Algren 1947. Man kann die Brisanz dieser Episode für die Vordenkerin des Feminismus ermessen! Auf den Fotos aus dem Krisensommer 1951, die dem Briefband beigegeben sind, erscheint ein ländliches Idyll: Simone de Beauvoir heiter und gelöst, mit offenen Haaren statt des üblichen Dutts, lehnt sich verschwörerisch lächelnd an den gelassen wirkenden Algren. Doch ihre Sehnsucht nach "starken, sanften, gierigen Armen" ist längst irreparabel mit ihrem politisch-philosophischen Lebensplan kollidiert. Dem gekränkten Algren schreibt sie: "Ich hatte Ihnen gegenüber immer Schuldgefühle. Sie hätten niemals akzeptiert, definitiv nach Frankreich zu kommen und dort zu leben, dabei gab es für Sie in den USA nicht ein solches Band, wie es mich mehr als alles andere an Paris bindet. Ich bin in Ihrer Hand, absolut schutzlos, und möchte Sie nur dieses eine Mal bitten: behalten Sie mich in Ihrem Herzen oder verjagen Sie mich, aber lassen Sie mich nicht wieder Ihrer Liebe verfallen und dann plötzlich merken, dass sie nicht mehr da ist."

Anders als der Briefwechsel mit Sartre, in dem es um das gemeinsame literarisch-philosophische Lebensprojekt geht, lassen sich diese Briefe als Protokoll einer Zerreißprobe vor Zuschauern lesen. Obwohl de Beauvoir später bekannte, ihre Liebe zu Algren habe der Freundschaft zu Sartre geschadet, war dieser in alles eingeweiht. Deutlich wird an dieser Briefsammlung aber auch, dass die öffentlich gelebte Partnerschaft von Beauvoir und Sartre eine Mogelpackung war - schon seit ihrer Frühzeit so etwas wie eine Altersliebe jenseits der Sexualität - unauflösbar, abgeklärt.Simone de Beauvoir: Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964. Herausgegeben von Sylvie Le Bon de Beauvoir. Aus dem Französischen von Judith Klein. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999. 860 Seiten, 78 DM.

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