"Simons Geheimnis" : Missglückte Mutprobe

Verschachtelte Geschichten, Wahrnehmungspsychologie und die Tücken der Erinnerung - und eine gehörige Portion Medienkritik: Das sind die Elemente in "Simons Geheimnis“ von Atom Egoyan. Doch dem Film fehlt es an Glaubwürdigkeit.

Christina Tilmann

Ein Dummejungenstreich. Denkt man, als der Lockenkopf Simon (Devon Bostick) der Klasse eine wilde Geschichte auftischt: Seine Mutter sei, hochschwanger mit ihm, beim Einchecken am Flughafen mit einer Bombe im Gepäck erwischt worden. Die Bombe hatte, ohne ihr Wissen, ihr palästinensischer Freund deponiert. Wäre der Plan aufgegangen, gäbe es Simon heute nicht. Bald diskutiert der Chatroom eifrig über Schuld und Idealismus, Selbstmordattentäter und Kapitalismus, Simon schaut zu, wie die Sache eskaliert. Nur ein Dummejungenstreich?

Bald schon mischen sich elegisch verschwommene Rückblenden in Simons Erzählung: die schwangere Mutter (Rachel Blanchard) am Flughafen, der stolze Vater (Noam Jenkins) beim Sex und Vater-Mutter-Kind-Weihnachten unterm Tannenbaum. Simons Dummejungenstreich: nur Trauerarbeit? Beide Eltern sind tot, bei einem Unfall umgekommen, der Großvater (Kenneth Welsh) erzählt dem Enkel am Krankenhausbett seine Version der Geschichte in die Digitalkamera: Der Vater sei ein Mörder gewesen.

Verschachtelte Geschichten, Wahrnehmungspsychologie und die Tücken der Erinnerung: Das sind Lieblingselemente in Atom Egoyans Filmen. In „Simons Geheimnis“ („Adoration“) gibt der kanadische Regisseur eine gehörige Portion Medienkritik hinzu, prangert Rassismus, Religions- und Fremdenfeindlichkeit an. Simons Onkel Tom (Scott Speedman) soll ein Macho sein, der Großvater ein Rassist; die palästinensischstämmige Lehrerin (Egoyans Ehefrau Arsinée Khandjian) spielt ihr eigenes Spiel, wenn sie Simon anstiftet, die Attentatsfiktion aufrechtzuerhalten. Doch spätestens hier hat der Film seine Glaubwürdigkeit verloren. Dass die Lehrerin, als Muslima verkleidet, den Onkel verfolgt und sich als Ex-Ehefrau von Simons Vater entpuppt, verfolgt man nur noch mit mäßigem Interesse. Ein Kommentar zu den Vorurteilen der westlichen Welt hätte es sein sollen, und ist doch nur eine verquere Innenschau geworden.

Filmkunst 66, Kino in der Kulturbrauerei, Passage, Hackesche Höfe (OmU)

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