Kultur : Simple Storys

Schwaben ist überall – und König Fußball sowieso: Hannes Stöhr und sein Film „One Day in Europe“

Thomas Abeltshauser

Es gibt Zeiten, da wird selbst einem wie ihm Europa zu viel. Für Hannes Stöhr, den 34-jährigen Exilschwaben und Wahlberliner, war es gleich nach der Berlinale so weit. Dort war sein Episodenfilm „One Day in Europe“ gerade im Wettbewerb gelaufen. Stöhr hatte tagelang Interviews gegeben, auf Deutsch, Englisch und Spanisch, und mit seiner Team-„Zirkusfamilie“ Premiere gefeiert. Nach diesem Marathon musste mit Freundin eine Auszeit her: in der Karibik.

Nach der Rückkehr gibt sich Stöhr entspannt. Mit allem Grund: Der Film, nach dem Ost-West-Drama „Berlin is in Germany“, sein zweiter fürs Kino, wurde bereits in elf Länder verkauft. Auch das Berlinale-Publikum bejubelte ihn, da mochte manche Filmkritik noch so durchwachsen sein. „One Day in Europe“, leicht und verspielt, wirkt wie das unbedarfte Geschwisterchen zum dichter erzählten Vorgänger. Aus bloßer Lust am Gefälligen? Stöhr: „Ich sehe es als Kunst an, dem breiten Publikum komplizierte Sachverhalte schmackhaft zu machen.“

Die Struktur ist einfach. Vier Geschichten in vier Städten, viermal geht es um einen Diebstahl. Der Rahmen – ein Champions-League-Finale zwischen Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruña in Moskau – markiert die United States of Europe, regiert von König Fußball. Das Komplizierte, das „One Day in Europe“ eigentlich prägt, ist das Zusammenwachsen Europas trotz kultureller Unterschiede. „Die Reihenfolge – Moskau, Istanbul, Santiago, Berlin – war für mich immer klar. Die größte Provokation: Ich fange in Moskau an und nenne ihn „One Day in Europe“. Wie will man den Osten verstehen ohne Moskau? Oder den Balkan, selbst Wien, ohne Istanbul? Nach Istanbul dann Santiago de Compostela, damit zeige ich den religiösen Konflikt: Moschee gegen Kirche. Schließlich Berlin: Dort kommt alles zusammen.“

Immer wieder geht es augenzwinkernd um die Schwierigkeit, sich in einer anderen Sprache, einer anderen Kultur zu verständigen. Stöhr beruft sich auf die Burleske und schreckt auch vor Klischees nicht zurück. „Klischee heißt auch Allgemeinverständlichkeit“, sagt er. „Ich setzte es ein, um es im Detail auch mal zu demontieren.“ Was passiert, wenn ein deutscher Tourist in Istanbul einen Überfall fingiert, um die Versicherung zu kassieren – und dabei an einen schwäbelnden türkischen Taxifahrer gerät? Solche Pointen gehören zu den Stärken des Films. „Die detailgenaue Realität muss nicht jeder verstehen“, sagt Stöhr. „Aber die Überhöhung, damit man der Geschichte folgen kann.“

Die Bewegung von Berlin nach außen hält an. Stöhrs nächstes Projekt, ein deutscher Western über die Revolution 1848 und die Auswanderungswelle nach Übersee, soll großenteils in Amerika spielen. Stöhr würde dabei auch „mit Amerikanern zusammenarbeiten, nur wollen die dann, dass die Cowboys alle Englisch sprechen. Dabei herrschte damals ein unglaubliches Sprachwirrwarr, das waren ja alles europäische Auswanderer.“ Auch in der Fremde sucht Stöhr vor allem: Heimat. Wobei er sich vor lauter Expansion hoffentlich nicht in der Weite verliert.

Delphi, Filmpalast, International, Kulturbrauerei

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