Kultur : Sind auch nur Ofenrohre

Industrie als Kultur: die Fotografien von Bernd und Hilla Becher im Hamburger Bahnhof Berlin

Bernhard Schulz

Als sie 1970 ihr allererstes Buch veröffentlichten, wurden „die“ Bechers irgendwo zwischen Dokumentarfotografie und Denkmalpflege eingeordnet. „Anonyme Skulpturen“ hieß ihre Zusammenstellung von Fotografien aus europäischen Industrierevieren; zugleich war das ein erster, noch kaum erkennbarer Hinweis auf die Klassifizierung, die nach einigen Jahren folgen sollte: dass ihre Arbeit zur Kunst und darin zur concept art zu zählen sei.

Diese Zuordnung haben Bernd und Hilla Becher, er 1931 in Siegen, sie 1934 in Potsdam geboren und seit 1959 mit Heimatbasis Düsseldorf gemeinsam tätig, mit freundlicher Beharrlichkeit auflösen können. Sie bedürfen keiner Schublade mehr. Sie sind „die“ Bechers, nichts weniger als die bedeutendsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit, Begründer einer eigenen „Schule“ – was sie nun wiederum nicht so gerne hören – und weltweit gerühmt. Die Anerkennung der Fotografie als eines nicht nur gleichrangigen, sondern womöglich des wichtigsten Mediums der Gegenwartskunst verdankt sich nicht zuletzt ihrem Werk.

Den Ruhm befestigt die Ausstellung „Typologien industrieller Bauten“, mit der sie Ende 2003 in Düsseldorfs Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen starteten und später im Pariser Centre Pompidou Furore machten. Jetzt ist die unterdessen auf über 1000 Einzelaufnahmen angewachsene Ausstellung auf ihrer letzten Station im Hamburger Bahnhof der Staatlichen Museen Berlin angelangt.

Industrieanlagen fotografieren sie – richtige Montan- und Schwerindustrie, wie es sie heute beinahe nicht mehr gibt. Zumindest nicht in Europa und Nordamerika, den Revieren, die sie geduldig bereist, ja beinahe überhaupt erst erforscht haben; in Deutschland anfangs mit dem VW-Bus, der als Wohnwagen und Arbeitslabor dienen musste. „95 Prozent ist weg“, sagt Bernd Becher beim Gespräch inmitten der Ausstellung lakonisch. „Diese Epoche ist ja so kurz und war von vorneherein so gemeint“, führt Hilla Becher aus. „Wir waren mittendrin, wir haben ,gegenwartshistorisch’ gearbeitet – es gibt gar kein Wort dafür.“ Ob es den Begriff nun gibt oder nicht, „gegenwartshistorisch“ trifft die Sache: Zeuge gewesen zu sein einer Epoche, die bei aller Lebendigkeit ohne Übergang abstirbt. Die „Industriearchäologie“, die die Bechers auf ihre Weise mitbegründet haben, ist heute tatsächlich zur Archäologie geworden, die bestenfalls noch Spuren vorfindet, als hätte es sich um einen Betriebsunfall der Geschichte gehandelt.

Dafür kann sie auf das unendlich reiche Werk des Fotografenpaars zurückgreifen. Sie haben Förder- und Kühltürme, Gas- und Wasserbehälter, Hochöfen und Fabrikhallen aufgenommen. Sie haben einmal auch eine ganze Fabrikanlage dokumentiert, die Dortmunder Zeche „Zollern 2“ in reinstem Jugendstil – und ihre Buchpublikation 1977 trug wesentlich dazu bei, zumindest Teile dieser Zeche zu erhalten und museal zu nutzen, darunter die einzigartige Maschinenhalle.

Bernd und Hilla Becher haben, was das Fotografische angeht, stets mit der großformatigen 13x18-Plattenkamera für höchste Tiefenschärfe gearbeitet, bei gedämpftem Licht ohne Schlagschatten. Sie haben ihre Objekte stets in horizontaler Ebene, also gewissermaßen auf Augenhöhe fixiert – was über die Jahre eine enorme bergsteigerische Leistung beim Erklettern des nötigen erhöhten Standpunkts erforderte. Und sie arbeiten im altertümlichen Schwarz-Weiß, weil dies – so Hilla Becher – „den skulpturalen Charakter der Objekte viel besser herausarbeitet“. Farbe hingegen sei „unwesentlich für diese Objekte. Wir haben’s versucht, das Ergebnis war lächerlich.“

Oft sind sie mit den Fotokünstlern der Zwanzigerjahre verglichen worden, mit Albert Renger-Patzsch zumal – den sie ebenso wie die anderen Großen der Weimarer Epoche, vor allem August Sander, hoch verehren –, mit der Epoche der „Neuen Sachlichkeit“ also. Aber anders als diese haben sich die Bechers stets jedweder Dramatisierung durch Unter- oder Schrägsichten oder gar durch Licht- und Schattenwirkungen enthalten. Sie haben die Objektivität auf die Spitze getrieben, oder wie Hilla Becher es ausdrückt: „Wir wollten zurück zu einer essenziellen optischen Wahrheit.“ Auf diese Weise haben sie ein Kompendium des Industriezeitalters geschaffen, eine in der Form strenge, in der Wahrheitstreue zugleich liebevolle Würdigung des Ingeniums der Ingenieure, die all diese funktionalen Objekte bar jeden architektonischen Anspruchs hervorgebracht haben.

Dieses riesige, allein von dem seit 1961 verheirateten Ehepaar zu überschauende Material ist wohl geordnet. Der Ausstellungstitel „Typologien industrieller Bauten“ bezeichnet das Ordnungsprinzip. Es geht um die jeweilige Objektgattung, deren Formenreichtum nach funktionalen und gestalterischen Ähnlichkeiten angeordnet wird – nicht aber nach geografischen oder chronologischen Kriterien. Zu sehen sind im Hamburger Bahnhof Zusammenstellungen von jeweils 9, 12, 15 oder 16 Aufnahmen. Dabei können Aufnahmen der sechziger neben solchen der neunziger Jahre stehen, solche aus dem Ruhrgebiet neben jenen aus Wales. Und eine Verwandlung findet statt: Aus den einzelnen, für sich genommen oft bizarren oder grobschlächtigen Objekten erwächst in ihrer Zusammenschau eine ganz eigene Schönheit.

Die Fotografen sprechen vom „Klang“ eines jeden Bauwerks und davon, dass bei einer Folge von Fotografien „Rhythmus und Tonart stimmen“ müssen. Solche Reihungen, wie überhaupt jede Aufnahme für sich, beruhen auf subjektiven Entscheidungen, wie die Bechers entschieden hinzufügen. Aber in der Gesamtheit ihres Werkes zeigt sich ein historischer Blick, der das Ganze der Industriekultur meint, eben das Typische, das die Anordnungen bis in die feinsten Verästelungen der – augenscheinlich nicht immer nur konstruktionsbedingten – Unterschiede auffächern.

„Uns interessierte die Zeit der Experimente“, sagt Bernd Becher. Später sei das Konstruktive mehr und mehr versteckt worden. Das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert ist der Zeitraum, in dem die Fotografen die Anonymität des reinen Ingenieurbaus am reinsten vorfanden. Befragt nach ihren Lieblingsobjekten, nennt Hilla Becher sofort die Hochöfen: „Die sind für mich das Amorpheste und Unarchitektonischste überhaupt. Die sind einfach, wie sie sind: Ofenrohre!“

Bereits 1990, bei der Biennale von Venedig, zeigten die Bechers eine Ausstellung unter dem Titel „Typologien“ . Sie erhielten damals den „Goldenen Löwen“ – für Skulptur. Die Zuschreibung, wenngleich aus einer gewissen Verlegenheit getroffen, hat ihre Berechtigung. Denn sowohl die Industrieanlagen selbst lassen sich als Skulpturen verstehen wie auch die Anordnungen ihrer Abbildung, denen eine eigene, plastische Qualität zuwächst.

Das war nicht von Anbeginn das Ziel der Bechers. Im Grunde war es ganz einfach. Bereits 1968, lange vor ihrem späten und dann umso heftigeren Ruhm, schrieb Hilla Becher: „Wir haben diese Arbeit aus schierer Lust an den Bildern begonnen; wir wussten, dass die Dokumentation solch faszinierender Formen uns Freude machen würde.“ Die Freude teilt sich dem Betrachter mit – wie zugleich die Melancholie angesichts des Verlusts, dem das Industriezeitalter als historische Epoche anheim gefallen ist.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, bis 8. Januar 2006. Katalog bei Schirmer/Mosel, 30 €, im Buchhandel 78 €. – Susanne Lange: Was wir tun, ist letztlich Geschichten erzählen. Bernd und Hilla Becher – Einführung in Leben und Werk. Schirmer/Mosel Verlag, 248 S., 78 €.

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