Kultur : Sind Sie ein Dichter der Unruhe, Herr Tabucchi?

Ein Nichts bestimme die Dinge[sagt einer Ihrer He]

Antonio Tabucchi (58) ist Professor für Portugiesisch an der Universität von Siena, aber berühmt gemacht haben ihn seine literarischen Texte: "Erklärt Pereira" (mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt), "Lissabonner Requiem" oder "Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro". Tabucchi, der in der Nähe von Pisa geboren wurde, hat bisher rund 20 Bücher veröffentlicht, neben den Romanen auch Erzählbände und einige Theaterstücke. Er ist außerdem Herausgeber und Übersetzer der Werke von Fernando Pessoa. Tabucchi, für viele der heute bedeutendste italienische Autor, lebt mit seiner Familie in der Toskana und in Lissabon. Sein jüngstes Buch "Si sta facendo sempre più tardi" (Es wird immer später), ein Briefroman, ist in Italien bereits erschienen. Der Münchner Carl Hanser Verlag bereitet im Moment die deutsche Übersetzung vor.

Ein Nichts bestimme die Dinge, sagt einer Ihrer Helden. Ist das Leben völlig unerklärlich?

Das Leben zu erzählen, ist vielleicht der Versuch, es in bestimmte Bahnen zu lenken und ihm eine Richtung zu geben. In meinen Augen ist das Leben ein unkontrollierbares Universum, eine Art Chaos ohne Form und letztlich nicht zu erklären. Wir rationalisieren es, um es erzählbar zu machen und zu verstehen. Wenn wir abends zu Bett gehen und unseren Tag nicht zu etwas Nacherzählbarem machen, bliebe er ohne Sinn. Es gibt keine rationale Kraft, die dem Leben von Natur aus inne wohnt und es vorantreibt, wir bemühen uns im nachhinein darum, ihm diese zu geben. Aber meine Figuren werden immer vom Unwägbaren geleitet.

Ihre Erzählungen changieren zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit, die Grenzen sind häufig nicht genau auszumachen. Welche Bedeutung schreiben Sie der Vorstellungskraft zu?

Die Vorstellungskraft ist die größte Fähigkeit des Menschen. Sie ist dem Vorhandenen weit überlegen, und zwar in dem Sinne, dass das, was der Mensch in seinem Kopf hat, viel wertvoller ist, als alles, was außerhalb seines Kopfes existiert. Ich gebe ein Beispiel: Die Wissenschaftler sprechen neuerdings von der Endlichkeit des Universums. Wenn das Universum endlich ist, heißt das, vom logischen Gesichtspunkt aus, dass alles endlich sein muss. Dennoch hat die menschliche Vorstellungskraft das Konzept des Unendlichen entwickelt. In der Physik gibt es das nicht, aber in der Mathematik. Es gibt die unendliche Zahl, das ist unsere Erfindung. Unser Geist ist den Dingen, die uns umgeben, überlegen.

Sie erzählen in ihren Büchern oft von Reisen, neuerdings auch von der Rückkehr und der Empfindung von Zeit. Wie ist das miteinander verknüpft?

Bei mir geht es häufig um Reisen, die gar nicht unternommen wurden, sondern nur in der Phantasie statt fanden. Das hängt wieder mit der Vorstellungskraft zusammen. Das Schönste an einer Reise ist vielleicht die Vorfreude, wenn wir uns alles ausmalen und Vorbereitungen treffen. Es handelt sich um eine typische Erscheinung der Moderne, Leopardi zählt zu den großen Theoretikern dieses Phänomens. In seinem Gedicht "Samstag im Dorf" gibt es eine Reihe von Betrachtungen über die Dorfbewohner, die am Samstag von der Arbeit nach Hause kommen und voller Vorfreude auf den Feiertag sind. Sonntag ist der schönste Tag, aber nur so lange man ihn sich ausmalen kann. Der Sonntag selbst ist dann gar nicht mehr so schön, denn man denkt schon an den Montag, an die Arbeit, die auf einen wartet. Und diese Tendenz der Zeitverkürzung ist meinem Eindruck nach extrem modern. Mein neues Buch "Es wird immer später" ist sicherlich ein Alterswerk. Ich habe ein Alter erreicht, in dem man viel über die Zeit nachdenkt, und zwar auf ganz existenzielle Weise. Vor allem hat man diesen völlig irrationalen Wunsch, die Zeit möge wiederholbar sein. Aber die Zeit ist irreversibel. Denn die Zeit besteht aus Menschen, die sie durchqueren. Und die Menschen ändern sich, wir verändern uns mit der Zeit. Das, was einmal war, kehrt niemals wieder, es ist verloren. Erinnerungen und Phantasien spielen da auch noch mit hinein.

Oft hoffen wir, in Menschen, die wir kannten, die verlorene Zeit wiederzufinden.

Das ist natürlich eine falsche Hoffnung. So als suchten wir auf einer alten Fotografie nach dem, was wir jetzt sind. Ein Foto hält einen ganz bestimmten Moment fest, und nur genau diesen, er ist unwiederholbar. Das Ich, das wir dort sehen, gehört nicht mehr zu uns. Es ist eine tote Zelle. Etwas, das verschwunden ist, weg, von der Zeit verschluckt. Natürlich lassen wir uns von Menschen eher täuschen als von Fotos, denn sie sind schließlich lebendig und besonders geeignet, unsere Phantasie zu befeuern. Wir sind von diesem Wahn besessen, in Menschen von heute das wiederzufinden, was wir einst waren. In uns gibt es diese unstillbare Sehnsucht, dass alles so bleiben möge, wie es jetzt ist: Unser Haus soll so aussehen, wie es jetzt aussieht, unser Land, unser Dorf, die Menschen. So ergeht es auch Odysseus, als er nach zehn Jahren Irrfahrt auf den Weltmeeren nach Hause zurück kehrt. Im Grunde ist die gesamte Odyssee von diesem Gefühl des nóstos durchwirkt, der Rückkehr. Odysseus will unbedingt zurück. Während der ganzen Reise denkt er an sein Haus, an seinen kleinen Sohn, an seine Ehefrau, an seine Insel, an Ithaka und hat sie so vor Augen, wie er sie verlassen hat. Homer führt uns dann vor, wie Odysseus bei seiner Ankunft auf seinen uralten Hund stößt, der ihn gerade noch erkennt und dann stirbt. Alles hat sich verändert. Der nóstos von Odysseus, seine Rückkehr, kämpft gegen die Zeit, aber es gibt einen unmittelbaren Zusammenprall. Das, was während der ganzen Reise präsent und lebendig war, die Erinnerungen, Menschen, rücken genau in dem Moment, in dem er sie wieder findet, sehr weit weg.

Sie sind der Herausgeber und Übersetzer der Werke von Fernando Pessoa, haben wissenschaftlich über ihn gearbeitet und ihn als einen "Schriftsteller der Unruhe" bezeichnet, der das Unbehaustsein verkörpert und ein Grundgefühl der Moderne auf den Punkt bringt. Er taucht immer wieder in Ihren Büchern auf. Worin besteht die Faszination?

Nicht unbedingt in seiner Empfindung der Unruhe. Abgesehen von der hohen ästhetischen Qualität seiner Verse fasziniert mich am meisten, dass sein gesamtes dichterisches Werk wie ein einziger Roman aufgebaut ist. Das ist absolut singulär im 20. Jahrhundert. Pessoa hat über seine Lyrik eine Romanstruktur geschaffen. Er hat Figuren erfunden, die, wie er sagt, in ihm leben, er hat ihnen eine Biographie verliehen, hat ihnen einen Stil auf den Leib geschrieben, jeder einen anderen, und er hat sie auf eine Bühne gestellt. Nur existiert diese Bühne gar nicht. Es ist keine Theaterbühne, auf der Figuren ihr Schicksal rezitieren, so wie die von Pirandello. Pessoas Bühne ist absolut virtuell. Es ist keine wirkliche, materielle Bühne, sondern es ist die Dichtung selbst, das weiße Blatt, seine Figuren agieren auf dem Papier, aber sie bieten eine große romanhafte Komödie dar.

Schriftsteller zu sein, sei eine ontologische Tatsache, heißt es in Ihrem neuen Buch "Es wird immer später". Was bedeutet es für Sie?

Schriftsteller zu sein, ist kein Handwerk, auch kein Beruf. Vielleicht habe ich deshalb nie mit dem Unterrichten an der Uni aufgehört. Ich habe immer einen Beruf ausgeübt. In meinen Pass habe ich als Berufsbezeichnung "Universitätsprofessor" eintragen lassen, Schriftsteller könnte ich niemals sagen, das ginge nicht. Es ist mit den innersten Eigenschaften eines Menschen verbunden, eben eine ontologische Tatsache. Im Alltag bin ich ganz einfach ein Lehrer. Ich unterrichte gern Literatur, man kann davon leben und davon profitieren. Ich vermittle bestimmte Instrumente, aber ohne die Illusion, dass dies ausreiche, um Schriftsteller zu werden, so nach dem Modell der amerikanischen Creative-Writing-Schulen. Man kann den Leuten das Schreiben beibringen, aber damit sind sie keine Schriftsteller, sie lernen zu schreiben, so wie man Autofahren lernen kann. Wer eine Fahrschule besucht, ist hinterher noch lange kein Pilot.

In Ihrem Roman "Erklärt Pereira" gewinnt Pereira sein politisches Gewissen zurück. Gibt es jenseits des inneren Bedürfnisses auch so etwas wie einen ethisch-moralischen Auftrag des Schriftstellers?

Literatur ist eine Art, die Welt zu sehen. Unbewusst und ohne unbedingt darüber zu reflektieren, vermittelt man auch ein moralisches Bild dieser Welt. Schließlich hat man eine moralische und ethische Vorstellung dessen, was einen umgibt, und natürlich ist das Schreiben an sich eine ethische Übung. Es hat auch mit Verantwortung zu tun. In dem Moment, in dem ein Schriftsteller etwas veröffentlicht, ist er selbst Teil der Öffentlichkeit und kann andere mit seiner Meinung erreichen. Schreiben bedeutet ganz einfach, eine Meinung zu haben und sie zu äußern.

Sie haben sich in Zeitungsartikeln zum Wahlsieg Berlusconis geäußert. Bemerken Sie atmosphärische Veränderungen in Ihrem Land?

Schon seit geraumer Zeit zeichnen sich Veränderungen ab. Man kann tatsächlich eine anthropologische Veränderung feststellen, in den 80er und 90er Jahren hat sich genau das bestätigt, was Pasolini schon in den 70er Jahren voraus sah. Berlusconi hat ganz einfach den Zeitgeist meines Landes zu interpretieren gewusst und das erfasst, was sich die Italiener heute wünschen. Italien hat Berlusconi gewählt, Italien und Berlusconi sind miteinander einverstanden. Zum Glück nicht ganz Italien, aber doch die Mehrheit. Das muss man anerkennen, Italien und Berlusconi sind miteinander verbandelt, sie lieben sich. Es gibt so eine Art Lebensphilosophie à la Berlusconi, die auch die Leute vertreten, die ihn gewählt haben. Was ist das Leben? Man soll es sich gut gehen lassen, möglichst viel Geld verdienen, vor allem an sich denken und nicht an die anderen, kein Zivilbewusstsein entwickeln, kein Bewusstsein für die Gemeinschaft oder den Staat, einfach nur die eigenen Bedürfnisse befriedigen.

Was wird daraus hervorgehen?

Ich fürchte, dass der Geist, den Berlusconi verkörpert, der Geist der Moderne überhaupt ist. Der Beginn des neuen Jahrtausends trägt diesen Keim in sich, und man kann in vielen hochentwickelten Ländern diese Form des Total-Kapitalismus beobachten. Außerdem handelt es sich um ein gut propagierbares Modell. Natürlich ist es viel einfacher, jemandem etwas vorzumachen und ihm zu versprechen, man mache ihn reich, als ihn mit dem Gegenteil zu konfrontieren. Eine derartige Elementarphilosophie bringt den Verlust der Gemeinschaft mit sich, des Öffentlichen, der Polis, wie die Griechen sagen würden, und auch der Politik. Diese Entwicklung hängt mit dem Zusammenbruch der großen Ideologien zusammen, mit der Übermacht des Privaten gegenüber dem Öffentlichen. Es ist einfach die Stimmung der Zeit.

Das Gespräch führte Maike Albath.

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