Kultur : Sind Sie ein ewiger Nörgler, Herr Menge?

Im Tagesspiegel-Interview: Wolfgang Menge - der Erfinder von Ekel Alfred "Tetzlaff" TAGESSPIEGEL: Herr Menge, alle wahren Berliner kommen bekanntermaßen aus Schlesien.Sind Sie ein wahrer Berliner? MENGE: Ich bin zwar in Berlin geboren, aber im Alter von 2 Jahren sind wir nach Hamburg gezogen.In Hamburg bin ich aufgewachsen und habe dort später als Journalist angefangen.Obwohl ich seit 30 Jahren in Berlin wohne, fühle ich mich immer noch als Hamburger. TAGESSPIEGEL: Berlin wird seit Jahrzehnten von denselben Leuten regiert.Ist Berlin nicht die reinste Polit-Provinz? MENGE: Wenn ich in Hamburg lebte, würden mir die dortigen Senatoren vielleicht auch nicht gefallen.Aber wenn ich lese, daß dem Café Einstein Unter dem Linden zwar erlaubt wird, Stühle auf den Mittelstreifen zu stellen, dort aber nicht bedient werden darf, weil keine Toiletten vorhanden sind, dann denke ich doch, daß Ähnliches in anderen Großstädten nicht vorkommt, in Berlin dagegen alltäglich ist. TAGESSPIEGEL: Also doch, Berlin Provinz? MENGE: In Berlin kümmern sich alle, die Zeitungen vorneweg, ständig darum, was andere über die Stadt denken.Das ist für mich ein Symptom.Die Pariser, die Londoner oder die New Yorker scheren sich einen Dreck darum, was andere über sie denken. TAGESSPIEGEL: Sie waren zuerst mit Ekel Alfred Tetzlaff beim WDR, Motzki entstand mit WDR und NDR, "Das Lied zum Sonntag" machen Sie beim NDR.Hat man Sie beim WDR rausgeekelt? MENGE: Daß ich mit dem WDR Schwierigkeiten hatte, ist ja nicht unbekannt geblieben.Nun arbeite ich nicht mit einem anonymen Sender zusammen, sondern mit einzelnen Personen.Als während der Vorarbeiten zu Motzki II die zuständige Redakteurin vom WDR zum NDR wechselte, habe ich die Gelegenheit ergriffen und bin mitgegangen. TAGESSPIEGEL: Wer hatte die Idee zu "Das Lied zum Sonntag"? MENGE: Eine Redakteurin sagte mir einmal, schade, daß man im Fernsehen so etwas wie das "Streiflicht" in der Süddeutschen Zeitung, also Glossen, nicht machen kann.Das war im Auto auf dem Weg von Hamburg nach Sylt.Und als wir im Zug saßen, hatte ich die Idee. TAGESSPIEGEL: Also keine direkte Linie vom alten Tetzlaff zum neuen Tetzlaff? MENGE: Formal ist es etwas ganz Neues.Doch die Hauptpersonen sind sich so ähnlich, daß der Programmdirektor des NDR vorschlug, den Nachnamen zu übernehmen, also Tetzlaff.Vorn allerdings nicht Alfred, sondern Arnold. TAGESSPIEGEL: Wird denn der neue Tetzlaff neben dem alten bestehen können? Ekel Alfred ist schließlich Kult. MENGE: "Das Lied zum Sonntag" ist ganz anders als "Ein Herz und eine Seele".Die einzelnen Folgen dauern nur zehn Minuten, es wird immer nur ein Thema behandelt.Entscheidend ist, daß wir einen Chor haben.Es wird also gesungen.Erst wenn der Chor eine Pause einlegt, kommt eine Spielszene.Lied und Wort gehören zusammen. TAGESSPIEGEL: Was erwartet uns, Satire, Gesellschaftskritik, Feuilleton? MENGE: Die erste Folge wird sich anhand der Schließung des Hamburger "Salambo" - eines Sex-Schuppens - mit Theatersubventionen beschäftigen, die zweite mit genmanipulierten Nahrungsmitteln. TAGESSPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Serien sollen polarisieren. MENGE: Das soll ich gesagt haben? TAGESSPIEGEL: Sie haben außerdem gesagt, man müsse als Autor heute andere Mittel anwenden als in den Siebzigern. MENGE:Mir geht es weder darum zu polarisieren noch zu polemisieren.Die Figur des Alfred Tetzlaff war eine Addition der Defizite vieler Menschen.Keine reales Abbild, sondern eine reine Kunstfigur.Kein Mensch hat je gesagt, so bin ich. TAGESSPIEGEL: Sie werden ein "unterhaltsamer Gesellschaftskritiker" genannt.Wie kritisch darf ihre Unterhaltung sein? MENGE: Wenn ich etwas schreibe, was zur Primetime im Ersten Programm ausgestrahlt werden soll, möchte ich erreichen, daß sich möglichst viele Leute ansehen, was ich mir ausgedacht habe.Das ist, zugegeben, bei einigen Themen sehr schwierig.Aber ich versuche es dennoch.Das bedeutet allerdings nicht, daß ich gegen meinen eigenen Geschmack verstoße, weil mir vielleicht gesagt wird, das Publikum will es aber so und so.Bei der Arbeit am Drehbuch lasse ich mir von niemandem reinreden.Der Bedarf an Veränderungen am Drehbuch wird schließlich von einigen Regisseuren bereits durch falsche Besetzungen ausreichend befriedigt. TAGESSPIEGEL: Tetzlaff gehörte ins Ruhrgebiet, Motzki irgendwo in den deutschen Osten.Wie wäre es mal mit Berlin? MENGE: Ich kenne die Norddeutschen, aber ich kenne die Berliner nicht.Als der SFB mich einmal fragte, ob ich nicht einen "Tatort" für sie schreiben wollte, habe ich vorgeschlagen, dann sollte man einen Kommissar nehmen, der schon auf Rente ist.Weiter bin ich nicht gekommen.Die wollten eine Figur, die mit dem Motorrad über die Mauer fährt.Ich muß das Milieu kennen, über das ich schreibe.Berlin ist schwierig. Kürzlich habe ich mich in einer Sendung von Alfred Biolek ein bißchen kritisch über die Stadt geäußert.Prompt bekam ich Postkarten mit Kommentaren, wie ich so etwas sagen könne, schließlich sei man 40 Jahre lang Frontstadt gewesen.Das sind die Berliner, die ich nicht ausstehen kann.Diese berühmten Berliner mit Herz und Schnauze, humorlos bis zum Gehtnichtmehr. TAGESSPIEGEL: Hoffentlich ist der neue Tetzlaff nicht so ein mieser Spießer. MENGE: Ich weiß gar nicht, was ein Spießer ist. TAGESSPIEGEL: Ein kleiner Spießer steckt doch in jedem von uns.Zum Beispiel: Meinen Sie nicht auch, daß 80 Prozent der subventionierten Theater geschlossen werden müßten, weil sie ein Zeug spielen, daß keiner mehr versteht? MENGE: 80 Prozent halte ich für übertrieben.Man muß ja nicht gleich schließen.Es reicht, die Subventionen radikal zu kürzen und nur notfalls zu streichen.Und mit dem Verstehen ist es auch so eine Sache.Wie mir berichtet wurde, stand über dem Portal des alten Potsdamer Theaters "Dem Vergnügen der Einwohner gewidmet".Einige Intendanten und Regisseure scheinen diesen Wunsch für profanen Schwachsinn zu halten. Wenn ich die Auslastungszahlen sehe, etwa von der Volksbühne oder dem Berliner Ensemble, würde ich mich als Intendant oder Regisseur in Grund und Boden schämen, weil ich immer daran denken müßte, daß das Geld, daß da generös verballert wird, schließlich von meinem Postboten, der Kassiererin im Supermarkt, dem Busfahrer stammt.Wenn ich dann noch in "Spielzeit", der Theaterbeilage des Tagesspiegel, in einem dort abgedruckten Gespräch über "Eva Braun" vom Regisseur und amtierenden Intendanten den Satz lesen muß, daß man angesichts der wunderschönen Landschaft am Obersalzberg verstehen sollte, daß Neger und Juden in dieses Bild einfach nicht reinpassen, dann würde ich nicht die Subventionen streichen, sondern den Mann feuern. TAGESSPIEGEL: Wer heute Erfolg haben will, muß auffallen - mit Wehrmachtsmänteln oder starken Worten.Wo bleibt denn da der Unterschied zwischen Schleef oder Castorf und Ihnen? MENGE: Was Eindruck gemacht hat, ist von mir nie mit der Absicht geschrieben worden, Eindruck zu machen oder auch nur aufzufallen.Bei denen ist es umgekehrt.Allerdings hat es ein Autor wohl auch schwerer.Ein Regisseur braucht nur den "Faust" mit einer Frau zu besetzen, schon gilt er als genial. TAGESSPIEGEL: Was, wenn "Das Lied zum Sonntag" nicht einschlägt: Werden Sie dann auf Sylt Rosen züchten? MENGE: Nein.Ich würde dem Regisseur die Schuld geben. TAGESSPIEGEL: Denken Sie nicht hin und wieder nach dem Aufwachen am Morgen, ach Menge, was bist du doch für ein ewiger Nörgler? MENGE: Ich würde nie so mit mir sprechen.Außerdem kenne ich mich doch viel zu wenig.Wenn ich mich ärgere, dann ärgere ich mich in der Regel fröhlich.Ich würde auch nie die Zeitung abbestellen, wenn ich etwas lese, was mir nicht paßt.Was mich wirklich ärgert, ist die zunehmende Gleichgültigkeit vieler Menschen. TAGESSPIEGEL: Sie kommen vom NDR, jetzt hat der NDR Sie wieder.Sind Sie eine treue Seele? MENGE: Ich lege großen Wert auf Professionalität und angemessene Behandlung.Der damalige Programmdirektor des WDR, Werner Höfer, fand nichts schrecklicher und ordinärer als Ekel Alfred Tetzlaff.Aber er hat sich jede Folge angesehen.Und wenn die Sendung von jemanden angegriffen wurde, der außerhalb des WDR stand, hat Höfer sie verteidigt.Das ist heute anders.Leider. TAGESSPIEGEL: Sie zerstören nicht, was Sie kritisieren.Warum sind Sie so zurückhaltend? MENGE: Wenn sich Ihre Frage auf "Das Lied zum Sonntag" bezieht, ist die Antwort ganz einfach.Sie ist identisch mit dem Motto des Potsdamer Theaters: "Dem Vergnügen der Einwohner gewidmet".

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