Kultur : Sind Sie ein Terrorist, Herr Haderer?

Herr Haderer[die Welt sei nach de],es wird gesagt[die Welt sei nach de]

Gerhard Haderer, 50, ist der bekannteste und erfolgreichste Zeichner Österreichs. Nach Jahren als freischaffender Illustrator für Werbeagenturen widmete sich Haderer, der in Linz wohnt, ab Mitte der achtziger Jahre ganz seiner Karriere als Cartoonist. Eine Ausstellung in der Berliner Galerie am Chamissoplatz 1988 machte ihn auch in Deutschland bekannt. Seit 1991 zeichnet Haderer für den "Stern".

Herr Haderer, es wird gesagt, die Welt sei nach dem 11. September nicht mehr dieselbe. Ist das Nonsens? Oder stimmen Sie zu?

Weder noch. Ich bin überzeugt davon, dass die New Yorker Ereignisse sehr viel in den Hirnen aller kreativen Menschen ausgelöst haben. Es hat ein Umrücken gegeben. Ich würde das aber auch nicht überbewerten.

Der "New Yorker" hat inzwischen eine ganze Ausgabe mit Karikaturen zum 11. September gemacht. In Deutschland gab es nichts Vergleichbares. Stehen die Deutschen unter Lachverbot?

Eine Auszeit kann nicht schaden. Ich war nach dem Anschlag tagelang sprachlos und nicht einmal in der Lage, mich über dieses Phänomen auch nur zu unterhalten. Aber die Bewältigung eines solchen Ereignisses ist natürlich nur dann möglich, wenn man irgendwann darüber Witze machen kann, als eine Art von Befreiung. Aber es herrschte tatsächlich, zumindest in der ersten Phase, eine Art von Humorverbot. Der "Stern" hat auch nach dem Tod von Lady Diana zwei Wochen auf jeden Humor verzichtet. Genauso war es nach dem 11. September.

Aber jetzt lachen Sie wieder, oder?

Meine Sprache ist die der Ironie. Ich kann die Stilisierung Osama bin Ladens als das personifizierte Böse nur sarkastisch zur Kenntnis nehmen. Darüber muss ich lachen. Den amerikanischen Präsidenten habe ich schon immer als Witzfigur gesehen. Daran hat sich nichts geändert.

Ist bin Laden auch eine Witzfigur?

Bin Laden ist im Augenblick eine Comicfigur, eine Disney-Veranstaltung, das perfekte Feindbild.

Verbinden Sie die Ereignisse des 11. September mit einem bestimmten Bild?

Nicht mit einem einzigen Bild. Mein Eindruck ist vielmehr, dass die amerikanische Gesellschaft einen Urschock erlitten hat. Und das lässt sich nur sehr differenziert darstellen.

Sie arbeiten mit subtilen Mitteln. Merken das die Leser?

Das ist mir wurscht. Ich kenne die Leser nicht. Ich erlaube mir die Freiheit, so zu arbeiten, wie ich es für richtig halte.

Wurden Sie von Ihren Auftraggebern nach den Attentaten in den USA zur Mäßigung veranlasst?

Nein, überhaupt nicht. Das würde mit mir auch nicht gehen. Aber da wir uns kennen, wissen wir auch um die Grenzen.

Der Schock ist noch nicht überwunden. Sind Sie als Zeichner von Nachwirkungen frei?

Es hat sich doch nichts Wesentliches verändert. Es hat eine Art von Insichselbstgehen gegeben, was Auswirkungen auf die verschiedensten Formen des landläufigen Anti-Amerikanismus hatte. Da überlegt man sich schon, ob alle Plattitüden, an die man sich so schön gewöhnt hatte, noch zeitgemäß sind. Ich würde mir zum Beispiel nicht mehr erlauben, George Bush nur vordergründig über sein Auftreten zu kommentieren. Der Cowboy hat ausgedient. Er ist der Kriegs-Präsident.

Als Zeichner profitieren Sie gleichermaßen von George Bush wie von Osama bin Laden.

Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Weltbild. Aber ich habe keine Ahnung, was Sie meinen. Das ist völliger Blödsinn.

Die Deutschen ziehen wieder in den Krieg. Müssen Sie da Ihren Strich verschärfen?

Ja, sicher. Aber ich würde das "müssen" weglassen. In dem Augenblick, in dem die erschreckende Vision eines möglichen Weltbrandes auftaucht, und das war bei mir so in den ersten Tagen nach dem 11. September, entstehen natürlich scharfe, bedrohliche Bilder. Aber es gibt keine Zwangsläufigkeit, keine Aufforderung an sich selbst, an Schärfe gewinnen zu müssen. Das ergibt sich ganz einfach aus dem jeweiligen Thema. Was die aktuelle Entwicklung in Deutschland betrifft, so frage ich mich, ob das alles so sein muss.

Und, haben Sie eine Antwort?

Man hat einen Massenmord in New York veranstaltet, und auf diesen kriminellen Akt muss adäquat reagiert werden. Ein Verbrechen, das nach Justiz schreit, aber nicht nach Krieg. Ich bin gegen den Krieg. Denn dieser Krieg ist eine Bankrotterklärung der Politik.

Was hätte man anders machen können?

Meine Vision wäre gewesen: Sehr viel Zeit, sehr viel Geduld aufwenden, um die Schuldigen ausfindig zu machen. Das hätte allerdings bedeutet, dass man die CNN-Bilder vom 11. September nicht so schnell hätte überbieten können.

Sie reden von einem Krieg der Bilder. Schafft die Notwendigkeit, bestimmte Bilder produzieren zu müssen, eine Realität, die nicht mehr hinterfragt werden darf?

Die Bilder eines einstürzenden Symbols müssen mit entsprechend gewichtigen Bildern konterkariert werden, damit das Gleichgewicht wiederhergestellt ist. Das ist natürlich lächerlich, denn was wollen Sie den Bildern der berstenden Twin-Towers entgegensetzen - afghanische Berge, zu Sand pulverisiert? Die Meute schreit zwar nach solchen Bildern, aber es gibt sie nicht. Weil man sie nicht inszenieren kann. Die Einzigartigkeit ist nicht zu übertreffen. Das ist das Dilemma der Bildermacher.

Reden ist Silber, Bilder sind Gold. Aber brauchen wir nicht starke visuelle Eindrücke, damit wir glauben können?

Die Bilder, die ich sehe, zeigen mir nur die ganze Hilflosigkeit der Amerikaner. Wenn sie uns vorführen wollen, wie sie die Wüste umgraben, bitte. Aber den Krieg gewinnen und das Böse besiegen?

Das Ziel der Terroristen war die Zerstörung. Sind Sie nicht auch eine Art Terrorist? Sie wollen doch auch zerstören.

Ich bin ein Provokateur: ein Bild-Provokateur. In meinen Bildwelten geht es zwar in der Tat darum, das, was ich als widerwärtig empfinde, zu zerstören. Doch geht es mir um die Bloßlegung falscher Idyllen. Ich habe noch niemals ein Blatt gezeichnet, das einen real existierenden Menschen in seiner Existenz vernichten, also zerstören sollte. Ich bin kein Killer. Aber jemanden der Lächerlichkeit aussetzen, das ja.

Sie sind Milieuforscher. Kennen Sie sich in der Welt der Lügner und Spinner wirklich so gut aus, wie es scheint?

Ich lebe in Linz, da gibt es nicht einmal Alpen - alles ganz normal. Ich bin umzingelt von meinen Models. In Linz leben Menschen, die wirklich so ausschauen, wie auf meinen Bildern. Ich werde merkwürdigerweise immer wieder als Cartoonist bezeichnet, aber das ist vollkommen falsch. Ich bin ein realistischer Zeichner. Ich bilde nur ab, was ich vorfinde.

Kann man von Linz aus Deutschland besser zeichnen?

Ich zeichne den Linzer nicht als Linzer. Ich schließe vom Kleinen auf das Größere. Und wenn man dann in Deutschland sagt, das ist hier bei uns ganz genauso, dann finde ich das immer ganz erstaunlich.

Linz ist überall.

Für mich sind die Begriffe Kleinbürger und Weltbürger keine Gegensätze. Ich glaube nicht, dass die Menschen, sagen wir in Oldenburg, anders sind als die in Linz.

Gibt es eine Idylle, die Sie aushalten könnten?

Ich habe wie jeder Sehnsucht nach wohligen Situationen, in denen es so etwas gibt wie eine sehr gediegene Ruhe.

Im aktuellen "Stern" haben Sie sich zum wiederholten Mal Joschka Fischer vorgenommen. Sind Sie ihm schon einmal begegnet?

Nein. Ich kenne auch sonst kaum jemanden von der Polit-Prominenz persönlich. Eine Ausnahme macht Gerhard Schröder. Ihn habe ich schon ein paar Mal getroffen. Er ist einer der wenigen, von denen ich glaube, dass sie meine Arbeit schätzen und verstehen, was mich treibt. Er hat es mir jedenfalls so gesagt. Wie ich glaube, ganz ohne strategische Hintergedanken.

Würden Sie die Damen und Herren aus der Politik gern besser kennen lernen?

Nein, mir reicht, wofür sie stehen, was sie - auch unfreiwillig - verkörpern. Jeder hat letztlich eine Entschuldigung für das, was er tut.

Wie reagieren denn die Politiker, wenn Sie sie wieder einmal gut getroffen haben?

Die Dummen klagen. Die Klugen laden mich ein.

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