Kultur : Sind so dünne Beine

Der Delphi-Tisch ist weg! Nachruf auf eine Legende

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Es geschah letztes Jahr. Als ForumsChef Christoph Terhechte sich mit den HipHoppern von „Status Yo“ zum Publikumsgespräch auf die Delphi-Bühne begab, merkte er: Nach so viel Rasanz passt ein so statisches Möbelstück nicht. Also blieb der Tisch unten, Mikrofone kann man auch in den Händen halten. Eine Derniere, eine Premiere: Dieses Jahr kommt der Delphi-Tisch bei den Filmdiskussionen erst gar nicht mehr zum Einsatz. The times they are a changing.

Er war nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt. Die Fotografen hassten das Mikroständer-Abstell-Quadrat, wegen der verspiegelten Beine, die das Blitzlicht reflektierten. Aber wir, das Publikum, liebten ihn, trotz seiner Hässlichkeit. Denn an ihm, dessen Ursprünge sich im Dunkel der Forums-Prähistorie verlieren, hat vor allem Terhechtes Vorgänger Ulrich Gregor legendäre Begegnungen zelebriert. Hier begrüßte er Kinoweltgrößen: Claude Lanzmann, Marcel Ophüls, Mrinal Sen, Béla Tarr. Hier schwieg Aki Kaurismäki sich aus, wenn wir seiner nächsten Zirkusnummer entgegenfieberten. Hier hielt Gregor sich mühsam wach (und die Meute in Schach), als er mit Rosa von Praunheim um zwei Uhr morgens zu palavern begann – während ein Zuschauer zu singen anhob. Das war 1982. Und hier erklärten Filmfeministinnen wie Lizzie Borden den Männern den Krieg.

Bestimmt wurde an diesem Tisch die Ulrich-Gregor-Variante der Coolness erfunden. Diese Ruhe-mitten-im-Sturm-Stimme. Diese unbestechliche, konzentrierte, still-präzise Fragekunst. Der Tisch ist weg. Es lebe der Mikroport! chp

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