Kultur : Sind wir Täter oder Opfer?

Das Berliner Haus am Waldsee zeigt eine Ausstellung zum 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard.

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Freudloser Ästhet. „Clowns“, von Tal R, 2008. Foto: Léa Nielsen, Courtesy: Paradis
Freudloser Ästhet. „Clowns“, von Tal R, 2008. Foto: Léa Nielsen, Courtesy: Paradis

Die eigene Wahl ist das höchste Ziel. Gewinnen kann man dabei freilich nicht. „Tu es, oder tu es nicht, du wirst es bereuen“, ist Søren Kierkegaards Leitmotiv. Der dänische Philosoph und Theologe hätte im Mai seinen 200. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass beschäftigt sich eine Ausstellung im Haus am Waldsee mit dem Denken Kierkegaards, das im 21. Jahrhundert mit seinen multiplen Wahlmöglichkeiten und dem Drang zur Selbstdarstellung neue Aktualität gewinnt. Er, der ewig Unverstandene, hat gewusst, dass er mit seinen Ansichten zu Liebe, Alltag und Gott seiner Zeit voraus war. Seine Schrift „Entweder Oder“, die im Zentrum der Ausstellung steht, wurde bei ihrem Erscheinen 1843 vom dänischen Klerus aufs Übelste verrissen.

In „Entweder Oder“ skizziert Kierkegaard zwei unterschiedliche Lebensphilosophien: die des Ästheten (A) und die des Ethikers (B). Während der Ästhet die Unterhaltung liebt, die Verführung und das Spiel und mit den Sinnen entscheidet, trifft der Ethiker existenzielle Entscheidungen in Übereinstimmung mit der Gesellschaft, für ihn zählen Ausbildung, politisches Engagement und ein geregeltes Leben.

Die wichtigste Wahl, die die dänische Kuratorin Solvej Helweg Ovesen für die Ausstellung trifft, besteht darin, dass sie Kierkegaards Dualismus übernimmt. Sie versieht die 15 ausgewählten Kunstwerke mit den Etiketten Ästhetiker oder Ethiker. Auf dass sich der Zuschauer daran reibe. Bei Birgit Brenners assoziativer Installation über das Ende einer Liebe mag man die ästhetische, leidenschaftliche Haltung sofort verstehen, ebenso bei den ironischen Phalloi des dänischen Künstlers Tal R. Bei Jeppe Heins vergnüglicher „unendlicher“ Lichterkette ist schon weniger klar, dass hier ein Ethiker am Werk gewesen sein soll.

Den besten Zugang haben in dieser Ausstellung die Kinder. In einer träumerisch-sentimentalen Arbeit von Tom Hillewaere hängt ein Filzstift an einem Gasballon, der Stift tänzelt über ein weißes Podest und hinterlässt dort seine Spuren, von Ventilatoren wird er mal dahin, mal dorthin gepustet. „Cool“, ruft ein Junge, der mit seiner Mutter da ist. „Cool“ ist Ästhetik, so einfach kann das sein.

Im oberen Stockwerk des Hauses präsentiert Ovesen Kunstwerke, die sie der ethischen Position zurechnet. Interessanterweise braucht die Ethik offensichtlich mediale Vermittlung, es gibt überwiegend Videoarbeiten. Stine Marie Jacobsen bat Menschen, Szenen aus Gewalt- und Horrorfilmen nachzuspielen, sie konnten wählen, ob als Opfer oder Täter. Da spielt also ein Mann eine Szene aus „Faces of Death“, bei der er so tut, als ob er das Gehirn eines lebendigen Affen verspeist.

Für Kierkegaard ist die Wahl zwischen Gut und Böse nicht das Entscheidende, sondern überhaupt zu wählen und die Konsequenzen, Schuld, Scham, anzunehmen. Der niederländische Künstler Renzo Martens filmte zwei Jahre lang im Kongo, in seinem Film „Episode III – Please enjoy poverty“ zeigt er Armut, Ausbeutung, hungernde Kinder, dokumentiert mit der Handkamera, wie er einen Neon-Schriftzug „Please enjoy poverty“ zu den Ärmsten der Armen bringt. Das Publikum muss auf dem Stühlchen vor dem Flatscreen passiv dem Elend zusehend, während Martens sich als radikale Künstlerfigur inszeniert, der für das aufklärerische Video buchstäblich über Leichen geht. Welche Wahl soll man nun treffen? Den Künstler anerkennen, kotzen oder irgendeine sinnvolle Handlung ableiten? Ovesen hat dem Zuschauer mit der Ausstellung ein hartes Stück Arbeit vorgelegt. Immerhin bleibt die Wahl, sich Kierkegaard zu erarbeiten oder die Werke der Zeitgenossen einfach ästhetisch zu genießen. Birgit Rieger

Bis 22.9., Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Di–So 11–18 Uhr

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